Quantcast Beitrag zur Zusammenstellung des Transports Nr. 50 Drancy-Majdanek
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Transport Nr. 50

Beitrag zur Zusammenstellung des Transports Nr. 50 Drancy-Majdanek


Durch reinen Zufall habe ich mich für diesen Transport interessiert. Es ist das erste Mal dass ich mich persönlich mit der Deportation befasse1 . Peter Landé, vollzeitiger Volontär beim Museum und Gedenkstätte des Holocausts in Washington2 , schickte mir kürzlich Dokumente, die von den amerikanischen Behörden freigegeben worden waren3 und fragte, ob ich darin Auswertbares fände. Die erste Datei, die diesem Kriterium entsprach, war eine Liste ausländischer jüdischer Deportierten, welche Gurs für Drancy am 27. Februar 1943 verlassen haben, und die hiernach mit „Liste USHMM“ bezeichnet wird.

Um keine offene Tür einzurennen habe ich mich zuerst beim zuständigen Archiv4 versichert, dass diese Liste nicht im Bestand „Camp de Gurs“ vorliegt. Hingegen befindet sich dort eine andere Liste, den nämlichen Transport betreffend, deren Fotokopien ich bestellt habe. Sie heisst hiernach „Liste Pau“.

Das französische Gedenkbuch von 19785 widmet den Transporten 50 vom 4. März 1943 und 51 vom 6. März, beide von Drancy nach Majdanek, weitgehende Ausführungen. Die deutschen Besetzer haben nach einem tödlichen Attentat gegen zwei Offiziere der Luftwaffe als Repressalien verfügt, es sollen 2000 jüdische, ausländische, arbeitsfähige Männer, zwischen 16 und 65 Jahren deportiert werden. Der Text erteilt einen Einblick in die damaligen Verhältnisse zwischen den Deutschen und den französischen Behörden in Vichy.

Der Transport 50 ist vorwiegend aus Internierten gebildet worden, die Gurs (Pyrénées-Atlantiques) am 27. Februar 1943 verlassen haben und meistens in den Vortagen dort „konzentriert“ worden sind. Sie stammten aus vielen anderen südfranzösischen Lagern, Städten oder Départements.

Die Liste Pau

listepau

Sie ist handgeschrieben und steht auf zwei Schulheften6 . Die Internierten sind alphabetisch gruppiert nach Teiltransport aus den verschiedenen Herkünften, Lager, Ort oder Kreis. Für jeden steht laufende Nummer, Nachname, Vorname, Alter, „Rasse“ und Staatsangehörigkeit. Vor jedem Teiltransport steht die Herkunft, der letzte Aufenthalt vor Gurs. Insofern das „Aussieben“7 den Abtransport nicht verzögert oder vermieden hat, ist dieser durch einen Gummistempel 27FEV43 in der letzten Spalte rechts, aussergewöhnlich in Handschrift, dokumentiert.

Die Liste USHMM


Diese auf Schreibmaschine getippte Liste notiert alphabetisch alle auf dem Transport von Gurs abgeschickten Internierten. Es sind deren 922. Sie ist nur teilweise lesbar und stammt aus einem anhand der Originaldokumente gefertigten Mikrofilm. Sie enthält laufende Nummer, Nachname, Vorname und vollständiges Geburtsdatum.

Es war dann fast selbstverständlich daran zu denken, diese beiden noch nicht ausgewerteten Quellen zu verschmelzen und sie den verfügbaren Veröffentlichungen gegenüberzustellen: das Gedenkbuch von Serge Klarsfeld, die Datenbank des Mémorial de la Shoah8 und diejenige von Yad Vashem9 . Die ursprüngliche Absicht bestand darin das Schicksal derjenigen zu eruieren, die zwar nach Gurs gelangt sind, jedoch nicht in den Quellen der nachfolgenden Etappen der Shoah aufzufinden sind. Die Ursachen dafür können mehrfach sein: Flucht, Befreiung, zwischenzeitliches Ableben, usw. Die Aufstellung dieser Menschen mit „Schicksal unbekannt“, wahrscheinlich nur eine begrenzte Anzahl, wäre dann Ansatz für eine neue Recherche.
listegurs

Die Liste Rivesaltes


Wir waren praktisch so weit und haben uns an die Auswertung der nächsten Dokumente aus dem USHMM gemacht. Nach der Liste Gurs kommt, unter dem Titel „Centre d’Hébergement de Rivesaltes“ eine Liste „Convoi de Gurs du 23 Novembre 1942“10. Die 37 ersten Seiten sind lesbar, die 4 letzten hingegen nicht brauchbar. Eine handschriftliche, lesbare Notiz am Ende, bemerkt daß der Transport aus 584 Personen besteht.

Der Transport betrifft Internierte der beiden Geschlechter. Verheiratete Frauen stehen unter ihrem Ehenamen, dem der Mädchenname folgt. Die Geburtsdaten sind angegeben, somit kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit die Ehepaare zusammenzustellen. Man liest z.B.:

386 PARDUBSKY née ALLERAND Régina 5.10.1897
387 d° Georges 18.3.1886

Der Name Pardubsky schien mir bekannt; ich war ihm effektiv in der Liste USHMM begegnet. Dann überflog ich schnell diese „Liste Rivesaltes“ um sie mit derjenigen des Transports 50 im französischen Gedenkbuch von S. Klarsfeld zu konfrontieren. Ich fand 59 Deportierte, dies beantwortete scheinbar eine Frage die wir uns beim Vorgehenden gestellt hatten: warum findet man in der Liste Pau, unter den Herkunftsorten, weder Rivesaltes noch die Codenummer 66 des Département des Pyrénées-Orientales ?

Ich fragte mich zuerst ob es einen Rücktransport von Rivesaltes nach Gurs nach dem 23. November 1942 gegeben hat. Das Archiv11 antwortete eindeutig: „Das Lager in Rivesaltes wurde am 1. Dezember 1942 offiziell geschlossen. Die letzten Insassen sind Ende November 1942 evakuiert worden.“ Die Liste Rivesaltes ist also diejenige eines Transports von Rivesaltes nach Gurs, der teilweise der Zusammenstellung des Transports Nr. 50 gedient hat. Sie vervollständigt somit die Liste Pau und gestattet weitere Vergleiche.

Am Ende der Auswertung haben wir 927 Personen identifiziert. Darunter sind 812 im Convoi 50 deportiert worden, eine ansehnliche Proportion der 937 Männer dieses Transports. 38 sind mit anderen Transporten deportiert worden, das Schicksal von 73 weiteren bleibt unbekannt.. Endlich betreffen 353 Zweiteinträge Personen, die sowohl in einer der Listen der Eingänge in Gurs (Pau oder Rivesaltes) als in der Liste USHMM der Abfahrt von Gurs stehen. Insgesamt umfasst die Auswertung 1280 Namen.
Das Resultat dieser Arbeit verdanken wir den Volontären des Cercle de Généalogie Juive12 , die den Hauptteil der Datenerfassung geleistet haben. Wir haben auch der Mithilfe des Archivs des Mémorial de la Shoah, der Stiftung Dorot und derjenigen von Herrn Marcel Martinez genossen. In dieser Einführung beschränken wir uns auf die Veröffentlichung der Internierten, deren weiteres Schicksal bisher nicht festgestellt werden konnte. Die gesamte Liste ist auf der Suchseite unserer Webseite erreichbar.

Die „Auslese“13 der Deportierten


In der Liste Pau enthält die rechte Seite des Heftes für bestimmte Personen Einträge in einer anderen Handschrift. Sie stammen aus einer neuen Prüfung der Unterlagen, das „Aussieben“14 , dessen Zweck die Prüfung ist, ob der Deportierte allen vorgegebenen Kriterien entspricht : Staatsangehörigkeit: fremd, männlich, Alter: 16-65, arbeitsfähig, keine französische Bindungen. Drei Spalten beziehen auf dieses letzte Kriterium: Bindung an Frankreich, militärische Dienste während des Kriegs, Anmerkungen. Hiernach einige Beispiele:

Bindungen: französische Eltern, ein französischer Sohn, französische Brüder,
Militärische Dienste: Krieg 39-40, Fronteinheit oder Marokko, Tunesien.
Anmerkungen: zu alt (68 Jahre).
Bei einigen dieser Internierten steht in der Spalte Anmerkungen „réservé“ (unentschieden), „B“ oder „R“. Die letzte Spalte rechts enthält dann nicht den Stempel 27FEV43 sondern handschriftlich 3/3/43, sogar manchmal „B“ oder gar nichts.

Will man noch beteuern dass nur ausländische Juden deportiert werden, dass aber solche mit französischem Familienanhang beschützt sind oder solche, die ihr Engagement für Frankreich im Krieg bewiesen haben? Die Illusion dauert nur wenige Tage. Die „3/3/43“ sind für den Transport 51 bestimmt, der Drancy am 3. März verlassen hat, ebenfalls nach Majdanek.

Mehrere Staatsangehörigkeiten sind beschützt, Italiener und Ungarn gemäss deutscher Anweisungen, aber auch Ägypter und Griechen. Die Mehrheit der Insassen werden in der Spalte Rasse als Israeliten bezeichnet. Die wenigen, die sich als ohne Religion, katholisch oder protestantisch angeben, entrinnen nicht dem allgemeinen Schicksal. Merkwürdigerweise bezeichnen sich Nrn. 1036 bis 1038 als Orthodox und werden erspart.

Relativität der Quellen


Viele Unterschiede bestehen zwischen den Namen und Daten der gleichen Person in den verschiedenen Listen und Datenbanken. Das Vorhandensein der gleichen Person in zwei Listen erleichtert ihre Identifikation. Hingegen ist es oft schwer, die genaue Schreibweise eines Namens oder ein Datum genau festzustellen. Schon 1978 hat S. Klarsfeld die schwere Lesbarkeit der Listen der Convois 50 und 51 bemängelt.

Man muss sich darüber bewusst sein, wieviel Ursachen diese Unschlüssigkeit haben kann. Die Schreibweise eines Namens mit deutsch/jiddischen Wurzeln ist sehr verschieden je nachdem wie er ausgesprochen und von einem Polen, Russen, Deutschen oder Franzosen niedergeschrieben wird. Viele polnische Namen sind für einen französischen Angestellten oder Gendarme nicht aussprechbar und beim Abschreiben werden die häufigen Doppelkonsonanten dann verwechselt. Das Kopieren von Listen, auf Papier oder in den Computer, vervielfältigt die Fehler. In ihrem jetzigen Zustand erfordert das Entziffern vieler Dokumente eine gewisse Fantasie. Man muss also sehr bescheiden bleiben und darf niemanden kritisieren. Auch wenn veröffentlicht behalten die Quellen weiterhin Unsicherheiten.

Einige Beispiele


Unlesbare Namen: In der Liste USHMM hatten wir unter Nr. 300 Rubenkes Moses identifiziert. Dann, im zweiten Heft von Pau, unter Nr. 2207, nur R???kes. Die Suche beim Mémorial de la Shoah verlangt mindestens 2 Buchstaben am Anfang des Namens. Wenn man nun R nach und nach mit den 5 Selbstlauten verbindet (Ra, Re, etc.) und das Geburtsjahr eingibt (1887, nach dem Alter, 56 im Jahr 1943) erscheint effektiv Rubenkes Moses, der mit dem Convoi 50 abgefahren ist.

Schlecht kopierte Namen: die zwei Internierten Pliker oder Pliner (908 und 909) sind eine einzige Person. Sie heissen beide Benjamin, das Alter entspricht dem Geburtsdatum. Da wir sie in keiner Datenbank gefunden haben, bleibt die Situation unentschlossen.

Ein Buchstabe: Walder Leo, 1073 ist in der Datenbank des Mémorial nicht auffindbar. Man findet ihn jedoch im französischen Gedenkbuch, unter dem Vorname Léa. Wäre dies nicht ein Irrtum, was auch das deutsche Gedenbuch bezeugt, wäre es die einzige Frau des Transports ab Gurs.

Zwei Namen: es gibt zwei Sloma. Jacob Mordka, geboren 1922 (585 und 1070) steht auf dem Mur des Noms15 mit Vorname Jacob. Chaim, geboren 1893 (586 und 1069) steht wohl im französischen Gedenkbuch und in der Datenbank des Mémorial mit dem richtigen Geburtsdatum, jedoch in letzterer unter dem Vorname Jacob, und steht nicht auf dem Mur des Noms.

Daten ohne Zusammenhang: Henri Loeb (80 und 2249) wäre laut Liste USHMM 1888 geboren und laut Liste Pau im Jahr 1943 55 Jahre alt gewesen, was zusammenpasst. Laut Datenbank des Mémorial, wäre er 1880 geboren.


Wir haben in unserer Arbeit sicher viel Fehler begangen. Andere Forscher werden sie sicher berichtigen. Die o.g. Beispiele sollen nur dazu dienen, Hinweise für weitergehende Recherchen zu geben.

Die nachstehende Tabelle begrenzt sich auf diejenigen, die von Gurs abtransportiert wurden und deren Schicksal (noch) nicht aufgefunden worden ist. Wenn sie den Holocaust nicht überlebt haben verdienen sie mindestens, dass man für sie ein Gedenkblatt bei Yad Vashem ablegt.

Hiermit ist diese begrenzte Recherche beendigt. Möge sie für weitere Forscher ein Ansatzpunkt sein.
April 2007© Ernest Kallmann






Vermerke des Autors :
  1. Dazu rechne ich nicht meinen Beitrag zur Erfassung von Deportationslisten im Rahmen von Jewishgen.
  2. United States Holocaust Memorial Museum, USHMM.
  3. Akte RG65003.
  4. Archives Départementales des Pyrénées-Atlantiques, 64000 Pau.
  5. Le Mémorial de la déportation des Juifs de France, Serge Klarsfeld, FFDJF, Paris 1978
  6. Da beide mit der laufenden Nummer 1 anfangen wird die Liste Pau als zwei distinkte Listen erfasst.
  7. Siehe weiter unter in „Die „Auslese“ der Deportierten“.
  8. http://www.memorialdelashoah.org
  9. http://www.yadvashem.org
  10. « de Gurs » liest sich eindeutig « von Gurs » oder « aus Gurs »
  11. www.genealoj.org
  12. Auslese klingt hier besser als das ominöse „Selektion“, obwohl der Endeffekt der gleiche ist.
  13. frei übersetzt aus « criblage », crible ist ein Sieb, ein Siebwerk.
  14. Archives départementales des Pyrénées-Orientales, Perpignan
  15. Ein beeindruckendes Mahnmal im Vorplatz des Mémorial de la Shoah in Paris : mehrere freistehende Wände, auf denen die Namen und Geburtsdaten der aus über 75.000 Frankreich deportierten Juden eingetragen sind.

 

 

 

 

 

Vom Herausgeber :

Als uns die Arbeit über die Zusammenstellung des Transports Nr. 50 zur Veröffentlichung vorgeschlagen worden ist, haben wir zugestimmt da wir dachten, sie könnte die Besucher unserer Website interessieren.

Sie beinhaltet:

- den gegenüberstehenden Beschreibungstext
- das tabellarische Resultat der Quellen-Konfrontation, eine ab hier abspeicherbare Excel-Datei
- eine Lesehilfe für die Excel-Dateien
- eine Tabelle der Namen derjenigen, deren Schicksal bis jetzt unbekannt bleibt.

Ein Teil der Angaben in der Excel-Datei kann auf der Seite Suche unter der Rubrik „Internierung und Deportation“ eingesehen werden. Gewisse Personen sind ebenfalls unter „Liste verschiedener französischer Internierungslager“ zu finden.

Es würde uns freuen von Forschern und Familienangehörigen zusätzliche Angaben zu erhalten, um in unserer Arbeit fortzuschreiten.
Ihre Meldungen werden hier erwünscht.

 

 

 

 

 

 

 

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Manfred Starkhaus G.Courtes-Lectoure

 

Manfred Starkhaus, Sohn von Siegmund Starkhaus und Elise, geb. Rosenthal, wurde in Fürth 1925 geboren.

Siegmund wird 1938 verhaftet und nach Polen verschleppt. Elise wandert mit ihren Kindern 1939 nach Frankreich. Das jüngste Kind, Edith, verlässt Frankreich für die USA 1941 an Bord der SS Mouzinho.

Manfred studiert im Lycée (Gymnasium) von Lectoure (Département Gers), ein begabter und malerisch talentierter Schüler.

Am 24. Februar 1943 wird er Opfer einer Massenverhaftung. Er wird mit Transport Nr. 50 verschleppt und überlebt die Deportation nicht.

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