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September38

Worum es den Deutschen geht: die Errichtung des Großdeutschen Reiches


Hatte Adolf Hitler bereits die Grundzüge seiner Expansionspolitik in Mein Kampf 1 dargelegt, so verdeutlichte er um 1932 das Gerüst des Großdeutschen Reiches. Laut ihm erfolgt die deutsche Herrschaft
„über einen festen, stahlharten Machtkern im Mittelpunkt. Ein Kern von achtzig oder hundert Millionen geschlossen siedelnder Deutscher! [...] Zu diesem Kern gehört Österreich. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Es gehört dazu aber auch Böhmen und Mähren [das Sudetenland], und es gehören dazu die Westgebiete Polens.2 [...]“

Die Annexion Österreichs im März 1938 hat einen Präzedenzfall geschaffen: der Anschluss bestätigt Hitler, dass Europa zu jedem Zugeständnis bereit ist, um nicht in einen Krieg einzutreten, was auch und vor allem das Bewusstsein Deutschlands bewirkt, aus einer Position der Stärke heraus handeln zu können. Daher tritt Hitler in eine neue Etappe ein: den Anspruch auf Böhmen und Mähren, die der Tschechoslowakischen Republik einverleibt wurden und mehrheitlich von Deutschen bewohnt sind.

Die Sudetendeutschen


1918 besiegelt die deutsche Niederlage den Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und ermöglicht es den Tschechen und den Slowaken, ihre Forderung durchzusetzen: die Schaffung einer Tschechoslowakischen Republik. Die Anerkennung ihrer Grenzen durch den am 10. September 1919 unterzeichneten Vertrag von Saint-Germain bestätigt die Einverleibung der deutschen (als Mehrheit im Sudetenland), ungarischen (als Mehrheit im Süden der Slowakei), polnischen (als Mehrheit im Gebiet von Teschen) und ruthenischen Bevölkerung (in der Karpathen-Ukraine).

Die Sudetendeutschen, die eine starke Bindung zu ihrer Kultur und zu ihrer Sprache haben, lehnen ein Bekenntnis zum neuen Staat ab, und der Gegensatz zu den Tschechen verstärkt sich in den Dreißigerjahren. Ab 1933 beginnt sich die Sudetendeutsche Partei SdP unter Konrad Henlein zu organisieren. Laut dem Historiker Vaclav Kural 3 ist der Wahlerfolg dieser Partei 1935 eine erste Etappe für den Anspruch Hitlers auf diese Gebiete. Als sich im November 1937 der nazifreundliche Zweig durchsetzt, ist der Weg offen. Die nazistische SdP wird weitgehend durch die Sudetendeutsche Bevölkerung unterstützt, die mehr als 3 Millionen Personen zählt. Als Konrad Henlein seine Partei in den Dienst der Forderungen Hitlers stellt, bilden die Sudetendeutschen daher eine 5. Kolonne4 , auf die sich der Führer stützt, um sein Ziel zu erreichen.

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Konrad Henlein und Hitler



 

 

 

 

 

 

 

Die Sudetenkrise


Der im September 1938 in Nürnberg abgehaltene IX. Reichsparteitag der Nationalsozialistischen Partei Deutschland (NSDAP) steht im Zeichen Großdeutschlands. Dieser Parteitag zieht mehr Menschenmassen an, als je zuvor in der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands. Und vor diesen Menschenmassen fordert Hitler bei seiner Schlussansprache am 12. September 1938 im Namen der Sudetendeutschen das Selbstbestimmungsrecht. Er ruft sie zum Aufstand auf. So wird die Annexion des Sudetenlandes in Gang gebracht.

Sehr schnell schlägt der britische Premierminister Neville Chamberlain vor, mit Hitler zusammen zu treffen. Er ist überzeugt, dass man ihn mit Zugeständnissen stoppen kann5 . Am 15. September empfängt ihn Hitler in Berchtesgaden6 und fordert die Annexion des Sudetenlandes; eine französisch-englische Note geht an die Tschechoslowakei, gefolgt von einem Ultimatum, um sie zur Annahme anzuhalten7 . Benes gibt nach. Die Tschechen sind aber bereit, zu kämpfen, und die Generalmobilmachung wird am 23. September ausgerufen. Als Reaktion legt Adolf Hitler Neville Chamberlain ein neues Ultimatum vor, gemäß dem die Grenzgebiete spätestens am 26. September abzutreten sind8 . An diesem 26. September rufen Großbritannien und Frankreich die Teilmobilmachung aus.

Angesichts einer unmittelbar drohenden militärischen Auseinandersetzung wird ein Treffen in München veranstaltet. Am 29. und 30. September kommen Neville Chamberlain (britischer Premierminister), Edouard Daladier (französischer Ministerpräsident), Benito Mussolini (Regierungschef Italiens) und Adolf Hitler (Deutschland) zusammen; der tschechoslowakische Premierminister ist nicht eingeladen. In der Nacht werden Abkommen geschlossen, die bis spätestens 10. Oktober 1938 die Räumung des Sudetenlandes durch die Tschechen und dessen allmähliche Besetzung durch deutsche Truppen vorsehen. Die Tschechoslowakei wurde alleingelassen und wird vor vollendete Tatsachen gestellt.

„Der Friede ist gerettet“


In ihrer Ausgabe vom 30. September titeln Le Figaro und Paris-Soir auf der ersten Seite „Der Friede ist gerettet“.
Während Neville Chamberlain bei seiner Ankunft in London als „Friedensmacher“ empfangen wird, wird Edouard Daladier ebenfalls mit Jubel begrüßt, weil er den Frieden gerettet hat, wenn auch Frankreich seinen Verbündeten in Stich gelassen hat9 . Vor den zu einer Sitzung der Kammer am 4. Oktober 1938 versammelten Abgeordneten erklärt er:
„Der gerettete Friede darf kein Signal der Aufgabe sein. [...] Sollte sich das Land aufgeben und die Aufrechterhaltung der Friedens nur ein Grund für Sorglosigkeit sein, so würden wir uns rasch, rascher als Sie es sich vorstellen könnten, einer erschreckenden Zukunft zubewegen“.10

Die Beendigung der Sudetenkrise durch die Unterzeichnung der Münchner Abkommen ist für die Tschechen ein Tag nationaler Trauer. Schon am 1. Oktober dringen Wehrmachtstruppen, die an der Grenze stationiert waren, in das tschechoslowakische Staatsgebiet ein. Für die Juden wird die Gefahr wieder präsent. Die nach dem Anschluss geflüchteten österreichischen Juden fliehen nach Prag. Im November 1938 breiten sich die Ereignisse der Reichskristallnacht – Zerstörung von Synagogen, jüdischen Geschäften, Verhaftungen und Verbrechen – über das gesamte von den Nazis beherrschte Gebiert aus.

 


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Als im März 1939 die deutschen Truppen das restliche Tschechien besetzen und dadurch die Zerschlagung des Landes besiegeln, gibt es für die Juden nur mehr eine Galgenfrist. Die Deportationen beginnen schon im Sommer 1939.

Eva Rubesova mit ihren Eltern, der Wiener Anwalt Fritz Rosenfeld und seine Ehefrau Margareth, die aus Wien nach Brünn geflüchtet waren, damals Hauptstadt Mährens, suchen in Prag Zuflucht.

Sigmund Jachzel wurde in Ostrau/Ostrava in der Tschechischen Republik geboren. Er ist Jude, aber vor allem fühlt er sich als Tscheche. Nach der Annexion des Sudetenlandes wird das Unternehmen seines Vaters arisiert, die Familie flieht nach Prag.
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Andere suchen in Frankreich Zuflucht, aber seit 2. Mai macht das Gesetzesdekret über die Bedingungen zur Gewährung des Status’ eines politischen Flüchtlings die Erlangung dieses Status’ fast unmöglich.

Für viele bedeutet das, dass sie bestenfalls mit einer alle drei Monate zu erneuernden Aufenthaltsgenehmigung unter der ständigen Bedrohung der Ausweisung leben müssen. Für andere ist es der Beginn der Illegalität.

 

 

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1Mein Kampf wurde zwischen 1923 und 1924 verfasst.

2 RAUSCHNING Hermann, Gespräche mit Hitler, Europa Verlag, Zürich und New York, 1940, S. 42. Herrmann Rauschning ist der ehemalige nationalsozialistische Präsident des Danziger Senats
3 Tschechischer Historiker. BENES Zdenek, KURAL Vaclav. Facing History / The evolution of Czech and German relations in the Czech provinces, 1848-1948, Prag, 2002.

 

 

 

4 Der Ausdruck 5. Kolonne wurde im spanischen Bürgerkrieg geprägt, als Franco mit seinen 4 Kolonnen gegen Madrid marschierte und von der 5. Kolonne sprach, die im Inneren gegen die Verteidiger der Republik agierte.

5 Frankreich schließt sich den Vorstellungen Londons an. Die politische Zwietracht im Lande, der Pessimismus der Militärs, ganz abgesehen von der Angst vor einem neuerlichen Krieg drängen Frankreich in eine passive Haltung.


6 Hitlers Wohnsitz in den bayrischen Alpen.

7 Die Tschechoslowakei muss der Abtretung aller Teile ihres Staatsgebietes zustimmen, deren Bevölkerung zu mehr als 50% aus Deutschen besteht, auf die Hilfe der Militärbündnisse mit Frankreich und der UdSSR verzichten, dafür garantieren Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien ihre neuen Grenzen zu Deutschland.

8 Die sofortige Annexion des Sudetenlandes mit allen unversehrter Anlagen und Besitzungen zum 1. Oktober. Chamberlain lehnt die deutschen Forderungen ab.

ç Frankreich und die Tschechoslowakei hatten ihre jeweiligen Grenzen im Rahmen der Abkommen von Locarno garantiert.

10 Annales de la Chambre des Députés. « Débats parlementaires ». Band 299. Außerordentliche Sitzung 1938 SS 1526-1539