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Ojzer und Marem

 

1902 verlässt der Patriarch der Familie Kornweitz mit sechzehn Jahren Zlotnick, heute in Polen, um sich in Wien nieder zu lassen. Einige Jahre später, im Januar 1910, nimmt er Marem Eile zur Frau, die ebenso aus Polen kommt.

Marem ist nicht berufstätig, aber Ojzer verdient als Kaufmann gut. Das Paar lässt sich in einer ansehnlichen Wohnung in der Klosterneuburgerstrasse 43 im 20. Bezirk in Wien nieder.


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Neun Monate nach der Eheschließung bringt Marem ihren ersten Sohn auf die Welt, Nathan Otto.

Zwei weitere Söhne folgen: Julius und Paul. Die Söhne Kornweitz sind von Kindheit an mit der sozialistischen Ideologie vertraut.




Politisch aktiv


Nathan gehört der Sozialistischen Partei Österreichs an, während Julius, 11 Monate jünger, Mitglied der Kommunistischen Partei ist . Der jüngste, Paul, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges geboren ist, engagiert sich besonders für den Zionismus.

Obwohl die wirtschaftliche Lage im Österreich der dreißiger Jahre sehr schlecht ist, gelingt es dem Paar dennoch, Julius ein Architekturstudium zu bezahlen.

Ojzer wird im Jahr 1937 festgenommen und zu einigen Tagen Gefängnis und 50 Schilling Geldstrafe für seine Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei verurteilt, Julius zu drei Monaten Gefängnis und drei Monaten Lager.

Ojzer erklärt ebenfalls, im Jahre 1938 14 Tage lang im berühmten Wiener Gefängnis in der Karajangasse interniert worden zu sein.

Im Jahre 1938 verlassen Nathan und Julius das Land aufgrund der Verhaftungswelle in den linken Wiener Kreisen. Wenige Monate nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich folgen die Eltern Kornweitz ihren älteren Söhnen nach Belgien. Sie reisen über Köln und Aachen und kommen am 10. Mai 1939 in Brüssel an. Dort reichen sie um politisches Asyl ein.

Dem Ehepaar Kornweitz gelingt es, belgische Papiere zu erhalten. Sie erklären ihre Absicht, in die Vereinigten Staaten auszuwandern zu wollen. Im Dezember 1940 deklariert sich Ojzer als Jude in den Registern von Schaerbeck.

In den Registern der Stadt sieht man, dass sie gemäß einem deutschen Rundschreiben von 1941 staatenlos geworden sind, und dass sie nach der Befreiung als Deutsche, Ex-Österreicher eingetragen sind.





Kleine Wunder


Im August 1942 meldet sich Marem bei der Fremdenpolizei, um das Geburtsdatum auf ihren Papieren richtigstellen zu lassen. Sie behauptet, 10 Jahre früher geboren zu sein, als in den Papieren steht, und zwar 1879. Sie gibt auch als neue Adresse 54 Rue Rubens in Schaerbeek an. Dachte Marem, der Deportation zu entgehen, wenn die Behörden sie als zu alt betrachteten, um belastet werden zu können?
Dank der Hilfe ihres Hausherren, der ihnen Lebensmittel bringt, und zweifellos auch mit der Hilfe belgischer Polizeibeamter, gelingt es ihnen, der deutschen Überwachung zu entgehen, indem sie während der gesamten Kriegsjahre in Brüssel bleiben.

Nach der Zeugenaussage von Bathsheva Dagan, der Witwe von Paul Kornweitz, sei ein Soldat gekommen, um Ojzer und Marem während einer Razzia abzuholen und sie nach Malines zu schicken. Aber als er in der Wohnung der Kornweitz angekommen sei, hätte Marem darum gebeten, sie – ein armes altes Paar – in Ruhe zu lassen. Gegen jede Erwartung entgehen sie der Deportation und überleben den Krieg, indem sie heimlich in Brüssel bleiben.

 



ojzer_1942Ojzer wird im Jahre 1942 im zivilen Krankenhaus von Schaerbeek aufgenommen. Er trägt sich als jüdisher Flüchtling ein.

Im Juli 1944 wird Nathan, Widerstandskämpfer in Brüssel, festgenommen und deportiert.

 

 

 

 

 

 

Schweres Leid


Ojzer und Marem Kornweitz verlieren in der Shoah zwei Söhne, Nathan und Julius, und eine Enkelin, Karin Suzanne.

Am Ende des Krieges, im Jahre 1945, bekommt Paul, der in den „Jewisch Brigades“ eingesetzt war, eine Erlaubnis, seine Eltern in Brüssel zu besuchen, die er seit 1939 nicht mehr gesehen hat.

Nach der Befreiung von Brüssel unternimmt Ojzer zahlreiche Versuche, herauszufinden, was aus seinen Söhnen geworden ist . Er wird den Bericht des IKRK nie erhalten, der offiziell den Tod von Nathan erklärt und der im Jahre 1973 in Arolsen erstellt wird.

Die belgischen Behörden waren mit den Nachforschungen ein wenig schneller und haben 1952 den Tod Nathans angenommen.

Es gibt keine Sterbeurkunde für Julius Kornweitz, der im Jahre 1944 in Mauthausen ermordet wurde.

Im Jahre 1947 verbringt Marem drei Wochen im Krankenhaus St. Pierre.

Im Jahre 1950 freuen sich Ojzer und Marem ein letztes Mal, ihren Sohn Paul zu sehen, der die Reise mit seiner Frau Isabella Rubinstein gemacht hat.

Paul war im Jahre 1945 in Brüssel Isabella begegnet, einer Überlebenden der Vernichtungslager.

Paul und Isabella haben 1948 nach der Gründung des Staates Israel geheiratet und ihre Namen und Vornamen geändert.


Marem stirbt im Februar 1951, Ojzer im November 1952. Sie werden am jüdischen Friedhof von Kraainem begraben.

Ojzer Kornweitz

Foto

Geburtsdatum: 6. Februar 1886

Geburtsort: Zlotnik, Polen

Adresse vor 1938: Klosterneuburgerstrasse 43, 1200 Wien

Exilroute: Brüssel, Belgien

Status bei der Befreiung: Überlebender

Am 8. November 1952 in Brüssel gestorben








Marem Eile verehelichte Kornweitz

Foto

Geburtsdatum: 3. Juni 1889

Geburtsort: Rzeszow, Polen

Adresse vor 1938: Klosterneuburgerstrasse 43, 1200 Wien

Exilroute: Brüssel, Belgien

Status bei der Befreiung: Überlebende

Am 23. Februar 1951 in Brüssel gestorben