Der Anschluss im März 1938 und die Münchner Abkommen von September 1938 ermöglichten nicht nur die Annexion Österreichs und des Sudetenlandes durch das Deutsche Reich, sondern bestärkte auch Hitler in seiner Gewissheit, sich in einer Position der Stärke gegenüber den Westmächten zu befinden, die nicht protestiert haben, ja sogar ihre Verpflichtungen verraten haben, so Frankreich gegenüber seinem tschechischen Verbündeten. Darüber hinaus betrachten die Nazis das Scheitern der Konferenz von Évian im Juli 1938, die auf Initiative von Franklin D. Roosevelt veranstaltet worden war, um eine globale Lösung für die Frage der österreichischen und deutschen jüdischen Flüchtlinge zu finden, als stillschweigendes Einverständnis der Staaten, sie nach Gutdünken über das Schicksal der Juden entscheiden zu lassen. Man darf sich die Frage stellen, ob dieses Scheitern den Naziführern nicht vor Augen geführt hat, dass kein Land einschreiten würde, wenn sie beschließen würden, das Deutsche Reich radikal von jeglicher jüdischen Präsenz zu befreien.
Hitler erreicht einen entscheidenden Punkt seiner Projekte: die ungehinderte Ausdehnung seines Staatsgebietes, und die mögliche gewaltsame Vertreibung der Juden, da anscheinend keine Nation sie akzeptieren will.
Das polnische Gesetz zur Aberkennung der Staatsangehörigkeit: eine Antwort auf den Anschluss.
Im polnischen Außenministerium ist der Antisemitismus des Ministers Joseph Beck wohlbekannt. Daher gilt nach der Annexion Österreichs durch Deutschland die Hauptsorge des Ministers den 20 000 in Österreich ansässigen polnischen Juden, deren Rückkehr ihm unerwünscht ist. Er ist entschlossen, ihnen „die größtmöglichen Schwierigkeiten" zu machen1 und Anweisungen an die konsularischen Vertretungen fordern diese auf, sie zu „schikanieren"2 .Joseph Beck beabsichtigt jedoch, das Problem radikal zu lösen. Zuerst wird am 31 März 1938 ein Gesetz zur Aberkennung der Staatsangehörigkeit verabschiedet. Es ermächtigt dazu, jedem seit über fünf Jahren im Ausland lebenden Polen die Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Das vorrangige Ziel ist, den Juden, die polnische Staatsangehörige sind, eine Rückkehr nach Polen aus den durch Hitlerdeutschland besetzten oder bedrohten Ländern unmöglich zu machen3 .
Weiters verkündet das polnische Innenministerium am 6. Oktober 1938 einen Erlass, demzufolge jeder im Ausland lebende polnische Staatsangehörige verpflichtet ist, die Gültigkeit seines Passes im Konsulat mit dem Vermerk „gemäß Erlass des Innenministers vom 6. Oktober 1938 überprüft" bestätigen zu lassen.
Die polnische Regierung nützt diesen Vorwand, die Pässe zu überprüfen, um eine umfassende Kontrolle vorzunehmen, doch wird die Gültigerklärung den polnischen Juden sehr oft verwehrt oder es wird ihnen der Pass ganz einfach entzogen4 . Die Verkündung dieser Richtlinie hat Auswirkungen auf Deutschland. Hitler lehnt es ab, sich die Anwesenheit polnischer Juden aufzwingen zu lassen. Daher veranlasst er am 28. und 29. Oktober 1938 die Festnahme von 20 000 in Deutschland lebenden polnischen Juden, die er nach Polen deportieren lässt.
Zbaszyn
Die Deportationen finden in ganz Deutschland statt. Die Deportierten dürfen nur zehn Reichsmark pro Person mitnehmen. Es wird ihnen verboten, Wertgegenstände mitzunehmen, und sie haben keine Zeit, ihre Angelegenheiten zu ordnen. Die meisten von ihnen werden per Bahn abgeschoben, aber große Gruppen werden zu Fuß deportiert, werden geschlagen und gezwungen, die polnische Grenze zu überschreiten. Die Deportierten werden in Kasernen und Getreidemühlen zusammengepfercht und erleiden unmenschliche Lebensbedingungen. Warschau erklärt indessen, dass nichts es zwingt, sie aufzunehmen, da ihnen die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. "Von den Deutschen vertrieben, in Polen mit Aufenthaltsverbot belegt, landen ca. 5 000 Juden im kleinen Grenzdorf Zbaszyn"5 , einem Niemandsland zwischen beiden Ländern. In Hannover werden 484 Personen ausgewiesen und nach Zbaszyn in Marsch gesetzt, darunter die Familie Grynszpan:
Berta Grynszpan schreibt ihrem Bruder nach Paris einen Brief, den er am 3. November erhält:
„Lieber Herschel Du hast gewiss von unserem großen Unglück gehört. Ich schreibe Dir, was passiert ist. Donnerstag waren Gerüchte im Umlauf, dass alle polnischen Juden einer Stadt ausgewiesen worden waren. Dennoch sträubten wir uns, das zu glauben. Am Donnerstagabend um 9 Uhr ist ein Schupo zu uns gekommen und hat uns erklärt, dass wir uns unter Mitnahme der Pässe zum Polizeirevier begeben sollten. So wie wir waren, sind wir alle zusammen in Begleitung des Schupos zum Polizeirevier gegangen. Dort fand sich schon fast unser ganzes Stadtviertel zusammen. Ein Polizeiauto hat uns sofort zum Rathaus gebracht. Alle sind dort hingebracht worden. Man hatte uns noch nicht gesagt, um was es sich handelte. Aber wir haben gesehen, dass es mit uns aus war. Man hat jedem von uns einen Ausweisungsbefehl in die Hand gesteckt. Man sollte Deutschland vor dem 29. verlassen. Man hat uns nicht erlaubt, wieder nach Hause zu gehen. Ich habe gebettelt, dass man mich nach Hause gehen ließe, um wenigstens einige Sachen zu holen. Ich bin dann in Begleitung eines Schupos fortgegangen und habe die notwendigsten Kleidungsstücke in einen Koffer gepackt. Das ist alles, was ich gerettet habe. Wir haben nicht einen Pfennig. Könntest Du uns nicht etwas nach Lodz schicken? Küsse von uns allen. Berta"
Emmanuel Ringelblum6 schreibt etwas später7
« Lieber Raphael! Ich bin in Srodborow auf Urlaub. Ich habe fünf Wochen in Zbaszyn gearbeitet. Abgesehen von Ginzberg zähle ich unter den wenigen, denen es gelungen ist, lange Zeit durchzuhalten. Fast alle anderen haben über kurz oder lang aufgegeben. Ich habe weder die Kraft noch die Geduld, Dir zu schildern, was alles in Zbaszyn geschehen ist. Wie dem auch sei, ich glaube, dass es noch niemals eine so grausame und unbarmherzige Deportation gegeben hat, wie jene der deutschen Gemeinschaft. Ich habe eine Frau gesehen, die aus ihrer Wohnung in Deutschland noch im Pyjama abgeführt wurde (diese Frau ist jetzt halbwahnsinnig). Ich habe eine über 50-jährige Frau gesehen, die gelähmt aus ihrem Haus abgeführt wurde; sie wurde dann in einem Lehnstuhl durch junge Juden zur Grenze getragen. (Sie ist noch im Krankenhaus). Ich habe einen Mann gesehen, der unter Schlafkrankheit litt, der auf einer Bahre über die Grenze getragen wurde, in allen Geschichten eine unvergleichliche Grausamkeit. Im Laufe dieser fünf Wochen haben wir (ursprünglich Giterman, Ginzberg und ich, nach zehn Tagen Ginzberg und ich) ein Quartier mit Abteilungen für Versorgung, Spitalspflege, Tischlereien, Schneider, Schuster, Bücher, eine Rechtsabteilung, eine Auswanderungshilfsstelle und ein Postamt (mit 53 Angestellten), ein Sozialhilfeamt, ein Schiedsgericht, ein Organisationskomitee, ein offenes und geheimes Kontrollorgan, einen Reinigungsdienst, und eine Reihe von Sanierungsdiensten, etc. eingerichtet. Zusätzlich zu den 10-15 Personen aus Polen sind an die 500 Flüchtlinge aus Deutschland in den obenerwähnten Abteilungen beschäftigt. Das Wichtigste ist, dass es keine Situation ist, in der manche geben und andere bekommen. Die Flüchtlinge betrachten uns als Brüder, die sich beeilen, in einer Zeit der Not und der Tragödie zu helfen. Fast alle Führungsfunktionen werden von Flüchtlingen bekleidet. Herzliche Beziehungen herrschen zwischen uns und den Flüchtlingen. Es ist keineswegs die Rede von der auflösenden Wirkung der Hilfe, die sich in die Arbeit einschleichen könnte. Aus diesem Grunde erhalten all jene, die unserer Hilfe bedürfen, diese bereitwillig. Niemand ist durch unsere Aktionen verletzt. Jeder Beschwerde über schlechte Behandlung wird nachgegangen, und mehr als ein „Menschenfreund" wurde weit von hier fortgeschickt. Wir haben mit kulturellen Aktivitäten begonnen. Das erste, was wir eingerichtet haben, war die jiddische Sprache. Sie wurde im Lager sehr beliebt. Wir haben Kurse in Polnisch veranstaltet, an denen ca. 200 Personen teilgenommen haben, und auch andere Kurse. Es gibt mehrere Lesesäle und eine Bibliothek, die religiösen Gruppen haben eine Talmud Torah [religiöse Schule] eingerichtet. Es gibt Konzerte, ein Chor ist tätig.
... Zbaszyn wurde zum Symbol der Verteidigung der polnischen Juden. Die Juden wurden wie Aussätzige gedemütigt, wurden Bürger dritter Klasse, und daher sind wir alle durch diese schreckliche Tragödie heimgesucht. Zbaszyn war ein moralischer Angriff auf die jüdische Bevölkerung Polens. Und aus diesem Grund fühlen sich die jüdischen Massen mit Zbaszyn und mit den Juden, die dort leiden, verbunden ... Meine aufrichtigsten Wünsche und Küsse aus Zbaszyn . Emmanuel"
Herschel
Als Herschel Grynszpan, der in Paris ist, am 3. November 1938 erfährt, dass seine Eltern und seine Schwester aus Hannover deportiert wurden, beschließt er, durch eine Verzweiflungstat auf ihr Schicksal und jenes ihrer Glaubenbrüder aufmerksam zu machen und sich an den Deutschen, die seine Angehörigen verfolgen, zu rächen.
Laut Bericht der Historikerin Rita Thalmann8 bestärkt ihn die Lektüre der jiddischen Zeitung Pariser Haint (Pariser Tag) in seiner Zwangsvorstellung. Am 4. November schreibt der Zbaszyner Korrespondent der Zeitung:
"Schreckliche Lage der aus Deutschland ausgewiesenen polnischen Juden. Über 8 000 von einem Tag auf den anderen staatenlos gewordene Menschen wurden festgenommen und ins deutsch-polnische Niemandsland, hauptsächlich von Zbonszyn [Zbaszyn], deportiert. Die Anhaltebedingungen sind besonders unerträglich und deprimierend. 1200 dieser Menschen sind bereits erkrankt, mehrere Hundert sind obdachlos. [...] Man meldet einige Fälle geistiger Störungen und Selbstmorde."
Am Samstag dem 5. November überlegt er den ganzen Tag, wie er die Deutschen dafür büßen lassen kann. In den Gassen des Faubourg Saint-Martin in Paris „ist ihm plötzlich das Geschäft eines Waffenhändlers aufgefallen und die Lösung eingefallen, die er den ganzen Tag verzweifelt gesucht hat. Eine Waffe. Töten.9"
Am Abend des Sonntags 6. November nimmt er sich ein Hotelzimmer am Boulevard de Strasbourg, zahlt im Vorhinein, schreibt seinen Eltern einen Abschiedsbrief und verlässt das Zimmer bis zum nächsten Morgen nicht mehr. Zu früher Stunde begibt er sich ins Geschäft „A la fine lame" (Zur scharfen Klinge), 61, rue du Faubourg Saint-Martin, erklärt, dass er eine Waffe braucht, weil er für seinen Vater arbeitet und bedeutende Geldsummen zu befördern hat. Er lässt sich vom Waffenhändler beraten und kauft einen Trommelrevolver und Patronen. Nach Verlassen des Geschäftes setzt er sich kurz vor 9 in eine Brasserie, geht auf die Toilette, um seine Waffe zu laden, und steckt sie in seine Jackentasche. Nun ist er bereit. Er geht zur U-Bahn, und gelangt nach vielen Stationen und mehrmaligem Umsteigen zur Station Solférino, nahe der deutschen Botschaft. Dort erklärt er, dass er ein wichtiges Dokument übergeben muss und verlangt, einen zuständigen Beamten zu treffen. Ernst vom Rath empfängt ihn und erkundigt sich nach dem Dokument.
In diesen Augenblick springt Grynszpan auf, zieht die Waffe aus der Innentasche seiner Jacke, richtet sie auf vom Rath und schreit: Sie sind ein ‚sale boche', hier ist das Dokument, im Namen der zwölftausend verfolgten Juden. Und Herschel Feibel Grynszpan gibt fünf Schüsse auf Ernst vom Rath ab 10.
Da Herschel Grynszpan am Ort des Attentats bleibt und nicht versucht, zu fliehen, wird er festgenommen und der französischen Polizei übergeben, die ihn ins Polizeirevier führt.
Die Kristallnacht: Eine planmäßig durchgeführte Tat
Es ist erwiesen, dass die Nazis auf eine Gelegenheit warteten, um das auszulösen, was laut ihrer Terminologie die Endlösung werden soll11, und die damals eine Lösung der Judenfrage ist. Der erste Akt wird ein umfassendes Pogrom in allen von den Deutschen beherrschten Gebieten, mit dem Zweck, die jüdische Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen und sie zu zwingen, Deutschland zu verlassen. Das Attentat auf vom Rath bietet ihnen einen idealen Vorwand. Hitler bereitet daraufhin eine Inszenierung vor, die dazu bestimmt ist, zu beweisen, dass die Deutschen, die Vertreter des Großdeutschen Reiches durch die Juden bedroht werden. Der Völkische Beobachter, Goebbels' Propagandablatt, schlägt in die gleiche Kerbe und erklärt am 8. November:
"Es ist klar, dass das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, dass in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze Ladenstraßen beherrschen, Vergnügungsstätten bevölkern und als ausländische Hausbesitzer das Geld deutscher Mieter einstecken, während ihre Rassegenossen draußen zum Krieg gegen Deutschland auffordern und deutsche Beamte niederschießen."
Darüber hinaus befördert Hitler, um die Schwere der gegen einen Vertreter des Großdeutschen Reiches begangenen Tat zu verstärken, vom Rath vom Rang eines dritten Botschaftssekretärs zu den eines Botschaftsrates und beschließt, seinen Leibarzt sowie einen berühmten Münchner Professor zum Verletzten zu entsenden. Parallel dazu beschlagnahmen die Nazis bereits am 8. November vorsichtshalber bei den Juden Waffen und alles, was diese zu ihrer Verteidigung verwenden könnten.
Als vom Rath am 9. November stirbt, ist alles bereit. Als die Nachricht Hitler erreicht, ist dieser in München mit der Alten Garde der SA, die im Rathaus versammelt ist, um des Putschversuches von 1923 zu gedenken. Hitler verlässt die Versammlung, ohne wie üblich eine Rede zu halten, und begnügt sich mit der Erklärung:
"Man soll der SA freie Hand lassen" 12
Joseph Goebbels übernimmt es daraufhin als Propagandaminister nicht nur, das Ableben vor der SA-Versammlung öffentlich zu verkünden, sondern auch in einer äußerst heftigen Hassrede zum Pogrom aufzuhetzen. Die wichtigsten Führer verlassen danach die Versammlung um 23 Uhr und geben die Anweisungen ihren regionalen Sektionen telephonisch durch. Für die SA geht es darum, die Synagogen in Brand zu setzen, ohne Rücksicht auf das Archivmaterial, aber unter Sicherstellung der Kultgegenstände, der Feuerwehr zu verbieten, einzugreifen, außer um das Übergreifen des Feuers auf umliegende Häuser zu verhindern, die jüdischen Geschäfte zu zerstören und Schilder wie „Tod dem internationalen Judentum"13,anzubringen und Juden, die im Besitz einer Waffe angetroffen werden, niederzuschießen.
Gleichzeitig ergeht um 23 h 55 von der Gestapoführung in Berlin eine Geheimbotschaft an alle Dienststellen. Für die Gestapo geht es darum, die Synagogen in Brand zu setzten, aber Plünderungen zu unterbinden, das in den Synagogen gefundene wichtige Archivmaterial sicherzustellen, die Festnahme von 20 à 30 000 der vermögendsten Juden vorzubereiten, gegen mit Waffen angetroffenen Juden schärfste Maßnahmen durchzuführen.
Schließlich verlangt Heydrich, Chef des SS-Reichssicherheitshauptamtes, der gegen 23h30 erfährt, dass eine Münchner Synagoge sowie ein Schloss in Brand gesteckt wurden, Weisungen, die er nach Rückfrage bei Hitler um 1h30 erhält.14
Der Inhalt der Botschaften der SA-Führer und des Gestapoführers , die anscheinend auf Befehl des Chefs des Hauptsicherheitsamtes zusammengefasst worden sind, bestärkt in der Annahme, dass es einen von Hitler angestifteten Gesamtplan gegeben hat. Das Schweigen Hitlers sowie auch Goebbels' bei den Ereignissen vom 7. und 8. November bestätigt im übrigen diese These. In seinem Tagebuch 15 schreibt Goebbels über das Attentat in seiner Schilderung über den 8. November: „In Paris hat ein polnischer Jude namens Grynzspan in der Botschaft auf den deutschen Diplomaten vom Rath geschossen und ihn schwer verletzt. Er wollte die Juden rächen. Die deutsche Presse schreit jetzt Zeter und Mordio. Wir werden Nägel mit Köpfen machen. In Hessen große antisemitische Demonstrationen. Synagogen werden niedergebrannt. Könnte man bloß den Volkszorn entfesseln."
Der Historiker Saul Friedländer kommentiert:
"obwohl er [Goebbels] die späten Abendstunden des 8. im Gespräch mit Hitler im Kaffee Heck verbracht hatte. Ganz eindeutig hatten die beiden vereinbart, zu handeln, hatten aber wahrscheinlich beschlossen, den Tod des schwerverletzten Rath abzuwarten. Ihr ungewöhnliches Schweigen war das sicherste Zeichen für Pläne, die auf einen ‚spontanen Ausbruch des Volkszorns' zielten, der sich ohne jedes Zeichen einer Beteiligung Hitlers abspielen sollte." 16
Weiter in Goebbels' Tagebuch für den 10. November:
« ...Der Zustand des durch einen Juden in Paris verletzten deutschen Diplomaten ist weiterhin sehr ernst. Die deutsche Presse ist außer Rand und Band...Helldorf lässt in Berlin die Juden gänzlich entwaffnen. Sie könnten Lust verspüren, das Gleiche auf ein anderes Ziel zu wiederholen". Und noch weiter: „In Kassel und Dessau große Demonstrationen gegen die Juden. Synagogen in Brand gesteckt und Geschäfte demoliert. Nachmittags wird der Tod des Diplomaten vom Rath gemeldet. Nun aber ist es gut."
Einige Zeilen weiter bestätigt Goebbels, dass er dem Führer die Angelegenheit vorträgt und dass dieser bestimmt, die Demonstrationen weiterlaufen zu lassen und die Polizei zurückzuziehen. Goebbels kommentiert: „Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen. Das ist richtig." Goebbels beschreibt daraufhin in allen Einzelheiten seine Tätigkeit, er gibt Anweisungen, motiviert die Unentschlossenen, instruiert die Polizei und die Partei. Die Parteimitglieder zollen ihm Beifall. Alle stürzen zu ihren Telefonen. Die Leibstandarte „Adolf Hitler" fährt nach München. Goebbels schreibt, dass er versucht, eine „kurz und klein geschlagene" Synagoge zu retten. Er unterhält sich mit Streicher über die „Judenfrage".17
Der Beginn der Zerstörung
„Nachdem sie die flammende Ansprache Dr. Goebbels' gehört hat, ist [die SA] überzeugt, dass die Stunde der Lösung der Judenfrage geschlagen hat und dass sie einen Freibrief haben, um den Pogrom bis zum nächsten Tag maximal zu entwickeln." 18
Gemäß den Anordnungen Goebbels' ist der einzige Vorbehalt, dass man als Organisation nicht aufscheint. Daher schreiten ab 1 Uhr Früh die SA und die SS in Zivil zur Tat
Vom Norden bis zum Süden Deutschlands erleiden Synagogen, jüdische Gemeindehäuser, Altersheime, Kinderheime, Privatwohnungen und Geschäfte den Ansturm der braunen Horden.19
Überall das gleiche Szenario: Synagogen werden geplündert, verwüstet, zerstört, in Brand gesteckt, ohne dass die Feuerwehr eingreift, die sich damit begnügt, das Übergreifen des Feuers auf die umliegenden Häuser zu verhindern. SA-Gruppen stürzen sich auf die jüdischen Geschäfte, die leicht erkennbar sind, seitdem ein Erlass gefordert hat, dass der Name des Besitzers in großen Buchstaben auf dem Schaufenster aufgemalt werde.
D. Golly, die sechzehn Jahre alt ist und damals in Bremen lebt, erinnert sich:
"Wir waren früh zu Bett gegangen. Ich und meine Familie schliefen alle Vier als wir ein Klopfen an der Eingangstür hörten. Ein heftiges Klopfen. Mein Vater lief die Stiegen hinunter, öffnete die Tür, vor der zwei Nazis in brauner Uniform standen. ‚Sag' Deiner Familie, sie soll sich schnell anziehen, Ihr kommt mit. Beeilt Euch!' Wir hatten keine Wahl. Wir haben uns rasch angezogen und die beiden Soldaten haben uns in einen Saal einer Kaserne in der Innenstadt geführt. Als wir hineinkamen wurde uns klar, dass alle Juden der Stadt zusammengetrieben und in diesen Saal gebracht worden waren. Niemand wusste, warum. Niemand wusste, was geschehen würde. Sie haben uns stundenlang auf unseren Sesseln sitzen lassen, bis sie schlussendlich die Frauen von den Männern getrennt und die Männer abgeführt haben. Wir wussten nicht, wo sie hingingen, Sie haben meinen Vater und meinen Bruder abgeführt. In der Früh erhielten meine Mutter und ich und alle Frauen die Erlaubnis, nach Hause zu gehen. Da entdeckten wir, was in der Nacht passiert war, während wir im Saal eingesperrt waren. Die Braunhemden hatten alle Schaufenster der jüdischen Geschäfte eingeschlagen, die jüdischen Häuser und Wohnungen aufgebrochen, alles was sie konnten zerbrochen. Das Geschäft meines Vaters wurde in dieser Nacht verwüstet. Und selbstverständlich wurde unsere Synagoge niedergebrannt. Am nächsten Tag ging ich ahnungslos wieder in die Schule, es war der Tag nach der Kristallnacht. Ich ging die Stiege hinauf, um in meine Klasse zu kommen, und traf zufällig meinen Klassenlehrer Herrn Koch, der auf mich zuging und mir mit wirklich trauriger Miene sagte: ‚Frl. Golly, es tut mir entsetzlich leid, aber Juden dürfen nicht mehr in die Schule.' Ich hatte keine andere Wahl, als wegzugehen. Ich ging mit hängendem Kopf nach Hause, alle meine Zukunftspläne waren gerade in tausend Splitter zerborsten."20
In Elberstadt in Württemberg erschießt der SA-Führer Adolf Heinrich Frey ungerührt Susanne Stern, eine 81-jährige Witwe, die es ablehnt, mit ihm zu gehen.
"Ich habe an die Tür geklopft ... und habe Stern aufgefordert, sich anzuziehen... sie hat sich auf das Sofa gesetzt. Ich habe sie gefragt, ob sie die Absicht hätte, meinen Anordnungen Folge zu leisten und sich anzuziehen, sie hat geantwortet, sie würde sich weder anziehen noch ihr Haus verlassen. Wir könnten mit ihr machen, was wir wollten: ‚Ich werde mein Haus nicht verlassen, ich bin eine alte Frau'. Ich habe meine Dienstwaffe aus meiner Tasche gezogen und habe die Frau noch fünf oder sechs Mal aufgefordert, aufzustehen und sich anzuziehen. Stern hat mir laut und deutlich voll Verachtung und Unverschämtheit ins Gesicht geschrieen: ‚Ich werde weder aufstehen noch mich anziehen'. In dem Augenblick, in dem sie geschrieen hat: ‚Machen Sie mit mir, was Sie wollen', habe ich meine Waffe entsichert und habe einmal geschossen... Stern ist auf dem Sofa zusammengesunken. Sie hat sich nach rückwärts gelehnt und mit beiden Händen an die Brust gegriffen. Ich habe nun unmittelbar danach den zweiten Schuss auf sie abgegeben, und zwar diesmal nach dem Kopf zielend". 21 In seiner Aussage führt er weiter aus, dass sie röchelnd vom Sofa auf den Boden gerutscht ist. Da er nicht einsah, warum er länger im Haus bleiben sollte, hat er dennoch in einer Entfernung von ungefähr 10 cm einen Schuss in die Mitte ihrer Stirn abgefeuert, damit er ganz sicher war, dass sie wirklich tot ist. Hierauf hat er das Haus abgeschlossen und Meldung gemacht.
In Berlin sind die Zerstörungs- und Gewaltaktionen besonders krass. Rita Thalmann schildert sie: "In Berlin beginnt der Pogrom erst um zwei Uhr nachts, nachdem Fachleute zuvor die jüdischen Hauptgebäude isoliert haben, indem sie die Telefonleitungen abgeschnitten, die Strom- und Heizanlagen abgestellt haben und der Verkehr an den ‚neuralgischen Punkten' durch die Polizei umgeleitet worden ist". Tobende Gruppen bewerfen die jüdischen Geschäfte mit Pflastersteinen. Dann holt die Menge aus den Schaufenstern alle Gegenstände, die als Geschoss dienen können. Sieben große Synagogen der Hauptstadt stehen in Flammen, darunter das große Gebäude in der Fasanenstraße, in die Oberkantor Davidsohn eilt, um daraus zu retten, was noch zu retten ist. [...] Doch plötzlich hört er Schläge und sieht den Synagogenpförtner Wolfsohn blutüberströmt im Hemd in den Hof laufen. Da er sich weigert, die Schlüssel auszuhändigen, werden die Tore des Gebetshauses eingeschlagen. Die Orgel mit 78 klingenden Registern wird über die Brüstung geworfen. Die Bronzeleuchter werden abmontiert und wie alle Kultgegenstände in Stücke geschlagen. Die Talare werden ebenso wie die Gebetsbücher in Stücke gerissen. Dann übergießen SA- und SS-Kommandos die Holzbänke mit Benzin und das Feuer breitet sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit im Inneren der Synagoge aus. Davidsohn versucht vergeblich, hineinzukommen. Bis fünf Uhr früh steht er dabei, bis das Feuer nur mehr unter der Asche glimmt. Allmählich zieht sich die Menge zurück, die Feuerwehr rückt ab, und der Mann, der siebenundzwanzig Jahre lang die Gebete der Gemeinde gesprochen hat, verneigt sich vor den rauchenden Trümmern, um ein letztes Mal den Kaddisch, das Totengebet zu sagen." 22 Er wird zur Polizei bestellt und findet dort alle Mitglieder des Gemeindevorstandes, und auch die Rabbiner, die Kantoren und die Chorleiter vor. Sie werden bis 18 Uhr ohne Essen festgehalten, manche werden entlassen, darunter er selbst, während die anderen mit ca. 10 000 Männern in Konzentrationslager gebracht werden.
In Leipzig: „Nachdem die unersättlichen, sadistischen Täter Wohnungen zerstört und das meiste der beweglichen Effekte auf die Straße geschleudert hatten, warfen sie viele ihrer zitternden Einwohner in einen kleinen Bach, der durch den Zoologischen Garten fließt, während sie entsetzten Zuschauern befahlen, sie anzuspucken, mit Schmutz zu bewerfen und sie in ihrer misslichen Lage zu verhöhnen. [...] Das geringste Zeichen des Mitleids versetzte die Verfolger in Wut, und die Menge konnte absolut nichts tun, außer ihren entsetzten Blick von diesen Gräuelszenen abzuwenden oder sich zu entfernen. Diese Taktiken wurden ohne polizeilichen Eingriff den ganzen Morgen des 10. November ausgeführt und auf Männer, Frauen und Kinder angewendet." 23.
In den österreichischen, deutsch gewordenen Gebieten wurden die Juden aufgefordert, das Land vor Mitte Dezember 1938 zu verlassen. So gibt es nur mehr einige hundert Juden im Gau Tirol-Vorarlberg. Gauleiter Franz Hofer beabsichtigt, die Befehle auszuführen, um das unter seiner Verantwortung stehende Gebiet von jeglicher jüdischen Präsenz zu befreien. Die Nacht von 9. auf 10. November 1938 bietet die Gelegenheit dazu. Saul Friedländer schildert24: "Hofer kehrte überstürzt vom Abendessen der Alten Kämpfer aus München zurück und gab den Ton an: ‚Als Reaktion auf die durch die Juden in Paris begangene feige Ermordung unseres Botschaftsrates vom Rath muss sich auch in Tirol die empörte Volksseele heute Nacht gegen die Juden erheben'. Die Botschaft Heydrichs hatte Alarm geschlagen. [...] [In Innsbruck] versammelten sich die Männer in Zivil gegen 2h30 früh [...]. In wenigen Minuten schlug ein Sonderkommando der SS die Richtung Gänsbacherstrasse 4-5 ein, wo noch einige einflussreiche jüdische Familien Innsbrucks lebten". Inzwischen erteilt der regionale SS-Führer den Befehl, « die Juden der Gänsbacherstraße diskret zu töten". Gänsbacherstraße 4 wurde der Ingenieur Richard Graubart [eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde] vor den Augen seiner Frau und seiner Tochter niedergestochen. Im zweiten Stock des gleichen Hauses wurde Karl Bauer [eine weitere bedeutende Persönlichkeit] auf den Treppenabsatz gezerrt, niedergestochen und mit dem Pistolenkolben geschlagen; er starb auf dem Weg ins Spital."
Bei einer am 12. November einberufenen Sitzung erstellen die Nazis die Bilanz des Pogroms, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Ereignisse abzuschätzen, die sie mit Hinweis auf die Tausenden eingeschlagener Schaufenster Kristallnacht nennen. Der SS-Mann Reinhard Heydrich berichtet, dass 7 500 Geschäfte zerstört, 267 Synagogen niedergebrannt und 91 Juden getötet wurden. Es ist bekannt, dass die Gestapo und die SS die Verhaftung und die Internierung von 30 000 Juden in KZs vorgenommen haben, unter ihnen Abraham Dreifuss, gestorben in Dachau am 22. November. Laut Goebbels' Tagebuch kam der Befehl direkt von Hitler. Bei derselben Sitzung beschließen die Naziführer, neuerliche Maßnahmen zu ergreifen, um die Juden zu enteignen, ihnen jedwede Existenzmittel zu entziehen, sie aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen. Dies sind Etappen, die heute als die Vorläufer der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den unter Naziherrschaft stehenden Gebiete klar feststehen. Die Aufforderung zur Emigration aus Angst ergänzte vorerst das Arsenal.
Die Folgen
In Deutschland haben 2 000 bis 2 500 Personen beim Pogrom oder in den KZs ihr Leben verloren. Als drei Monate später manche freigelassen werden, so unter der Bedingung, dass sie sofort auswandern. Die Juden wurden für den Pogrom verantwortlich gemacht, den die Nazis als spontane Folge des Volkszorns aufgrund der Ermordung von vom Rath durch einen Juden darstellten; diese beschließen, dass die Juden Deutschlands nicht nur eine Buße von einer Milliarde Reichsmark zu zahlen haben, sondern auch selbst die Reparaturen ohne die Finanzhilfe der von ihren Versicherungen zu zahlenden Entschädigungen begleichen müssen. Tausende Juden Deutschlands, aller ihrer Güter beraubt, versuchen, illegal über die Grenzen zu kommen und den Status eines politischen Flüchtlings zu erlangen. Das Schicksal der Frauen ist besonders tragisch. In einer Analyse des Schicksals der Frauen nach der Kristallnacht unterteilt Rita Thalmann diese in fünf Kategorien ein25: die größte Gruppe besteht aus alten Frauen, die zu arm und zu schwach sind, um sich ein neues Leben im Exil aufzubauen; die zweite, ebenfalls große Gruppe besteht aus Frauen, die einen Arier geheiratet haben und sich relativ sicher fühlen ; die dritte umfasst Frauen, die einen Vater, eine Mutter oder ein Familienmitglied nicht allein, einsam und hilflos zurücklassen wollen; dann gibt es die Frauen, deren Ehemänner und Kinder bereits weg sind und die mangels Mittel für die Auswanderung allein in Deutschland zurückbleiben, aber hoffen, ihnen nachfahren zu können; schließlich jene Frauen, die beschlossen haben, zu bleiben. Unter denen gehören manche der Organisation jüdischer Frauen an und organisieren Aktionen zur Rettung der Kinder, versuchen, das Gemeinschaftsleben aufrecht zu erhalten, kümmern sich um das materielle und psychologische Überleben jener, die in Deutschland geblieben sind.
In Frankreich
Seit der Konferenz von Évian im Juni 1938 hat die französische Regierung ihre Position klar dargelegt: Frankreich kann keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen. Außerdem hat Frankreich bei den Münchner Abkommen den deutschen Forderungen nachgegeben. Das Sudetenland wurde annektiert, der Friede ist gerettet. Wenn Frankreich seinen Grundsätzen und Traditionen als Land der Menschenrechte derart offen den Rücken kehrt, so deshalb, weil die Regierung um jeden Preis nach Appeasement strebt. Das Appeasement mit seinem deutschen Nachbarn, unter anderem mittels Geheimverhandlungen, die durch Georges Bonnet26, seit dem le 10. April 1938 Außenminister, geführt wurden. Georges Bonnet will nicht, dass die Ereignisse der Kristallnacht seine Politik beeinträchtigen. Er ignoriert den Bericht von George Coulondre 27, neuer französischer Botschafter in Berlin:
"Die den Juden in Deutschland zuteil werdende Behandlung, die die Nazis versuchen, wie böswillige Tiere vollständig los zu werden, beleuchtet die große Entfernung, die die hitlerische Weltauffassung vom geistigen Erbe der demokratischen Nationen trennt".
Frankreich ist die einzige große Demokratie, die die in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 begangenen Massaker nicht öffentlich anprangert.
Frankreich sucht auch den inneren Frieden
Bereits bei der Unterzeichnung der Münchner Abkommen hat François-Poncet, ehemaliger französischer Botschafter in Berlin, die Schlussfolgerungen aus diesen Ereignissen gezogen:
"Es ist unerlässlich, dass die westlichen Demokratien aus den dramatischen Ereignissen der vergangenen Woche die entsprechende Lehre ziehen. Es ist erforderlich, dass sie, bei aller Betonung ihres Friedenswillens und unter Streben nach jeder Möglichkeit einer Verständigung mit den autoritären Staaten, die Ursachen innerer Schwäche ausschalten [...]". 28
Er weist auf die Tausenden von Flüchtlingen hin, die die Bevölkerung immer mehr als Bedrohung empfindet: als wirtschaftliche Bedrohung angesichts der durch die Flüchtlinge entstehende finanzielle Belastung und der Arbeitsplätze, die sie den Franzosen wegnehmen; als soziale Bedrohung aufgrund der Spannungen, die sie verursachen; als politische Bedrohung, wenn sie so wie Herschel Grynszpan mit Deutschland abrechnen. Daher setzt die Rückkehr Edouard Daladiers als Premierminister am 10, April 1938 der Politik der Flüchtlingsaufnahme der Volksfront ein Ende. Eine seiner ersten Taten ist die Verkündung des Gesetzesdekrets vom 2. Mai 1938, das einen Schritt zurück darstellt. Es wird nunmehr zwischen alten und neuen Flüchtlingen unterschieden. Ersteren, etwa den in den Zwanzigerjahren gekommenen Russen und Armeniern, werden ihre Aufenthaltsrechte in Frankreich garantiert, während Zweitere, etwa die Juden aus Deutschland, nur schwer eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung erreichen können.29
Am 12. November 1938 gestattet ein Gesetz die Internierung unerwünschter Personen in Konzentrationslager. Dutzende illegal nach Frankreich eingereiste deutsche und österreichische jüdische Flüchtlinge sind nunmehr direkt bedroht.
In Großbritannien prangert die Bevölkerung heftig antijüdische Straftaten an. Anhänger des Appeasements beginnen erstmals, an der Ehrlichkeit von Hitlers Absichtserklärungen über die Erhaltung des Friedens zu zweifeln. Als Reaktion verurteilt Neville Chamberlain vor dem Unterhaus die antijüdischen Aktionen der Kristallnacht.
In den Vereinigten Staaten erklärt Roosevelt öffentlich, er hätte es sich niemals vorstellen können, dass solche Ereignisse im 20. Jahrhundert in einem zivilisierten Land geschehen könnten.30
Er beruft den amerikanischen Botschafter in Deutschland ab, dennoch bricht er die diplomatischen Beziehungen nicht ab.
1. ZARANSKI Jozel, Dariusz, Band IV, S. 76, zitiert von ROLLET Henry, La Pologne au XX° siècle, Paris, Pedone, 1984, SS. 298-299.
2. ZARANSKY Jozel, op cit, S.81.
3. BURKO Jacques, KORZEC Pawel, Le gouvernement polonais en exil et les Juifs. Un document traduit et présenté par, Pardès, Nr. 16, 1992, SS.121-133, Fußnote 1.
4. MARRUS Michael R., Les exclus. Les réfugiés européens du XX° siècle, Paris, Calmann Levy, 1986, S. 172.
5. MARRUS Michael R., op cit, S. 173. Laut Autor sind es in diesem Lager 5000. Laut Vicky Caron 15 000. CARON Vicky, Prelude to Vichy: France and the Jewish Refugees in the Era of Appeasement, Journal of Contemporary History, Band. 20, Nr. 1 (Jänner 1985), S..159.
6. Emanuel Ringelblum wurde 1900 in Buczacz geboren. Er ist Absolvent der Warschauer Universität und erwirbt 1927 sein Doktorat mit einer Dissertation über die Geschichte der Warschauer Juden im Mittelalter. Einige Jahre unterrichtet er Geschichte in jüdischen Schulen und war auch in öffentlichen Angelegenheiten aktiv. Von Jugend an war er auch aktives Mitglied der „Linken Poalei Zion", einer (marxistisch-zionistischen) politischen Bewegung, eines von der (hauptsächlich sozialdemokratisch-zionistischen) „Rechten Poalei Zion" abgetrennten Teils. 1930 wird er Teilzeitangestellter des Joint Distribution Committee, das ihn im November 1938 in die Stadt Zbaszyn entsendet. Ringelblum hat fünf Wochen im Lager verbracht, wo er die Hilfe geleitet, Aussagen der Deportierten entgegengenommen und Informationen über die Ereignisse in Nazideutschland gesammelt hat. Seine Erfahrungen in dieser Zeit haben auf ihn einen unauslöschlichen Eindruck gemacht.
7. R. Mahler, "Mikhtavei E. Ringelblum mi-Zbaszyn ve'al Zbaszyn" ("Letters of E. Ringelblum from and about Zbaszyn"), Yalkut Moreshet, Nr. 2 (1964), SS. 24-25.
11. Der Ausdruck wird bei der Wannseekonferenz im Jänner 1942 verwendet, die über die Vernichtung der Juden durch die Nazis entscheidet.
12. Urkunden des Nürnberger Prozesses, deutsche Ausgabe, Internationaler Militärgerichtshof, 1948, Band. XII, S.. 381, zitiert durch THALMANN Rita, op. cit., S. 81.
13. Wiener Library, Institute of Contemporary History. Befehle des SA-Chefs „Baltische Gruppe".
14. Urkunden des Nürnberger Prozesses, deutsche Ausgabe, Internationaler Militärgerichtshof, 1948, Band XXXI, Dokument PS 3051, SS 515-519.
15. Josef Goebbels Tagebücher Band 3, Piper München Zürich 2000 S. 1281
16. FRIEDLÄNDER Saul, Das Dritte Reich und die Juden, Band 1 Die Jahre der Verfolgung (1933-1939), München, Verlag C.H.Beck, 1998, S..293.
17. Julius Streicher traf Hitler 1921. Er war damals der Verantwortliche für die extreme Rechte in Franken, was dazu beitrug, Nürnberg zu einer Hochburg der Nazipartei zu machen.
18. Er war von 1923 bis 1945 Leiter der antisemitischen Zeitung Der Stürmer. Nazi-Gauleiter in Franken (1925-1940), dann 1933 Reichstagsabgeordneter, war er für seine verbalen Ausfälle gegen die Juden bekannt.
19. THALMANN Rita, op. cit., S. 96.
20. THALMANN Rita, op. cit., S. 97.
21. FRIEDLÄNDER, Saul, op. cit.. S. 291
22. SAUER Paul (Hgb.), Dokumente über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden-Württemberg durch das nationalsozialistische Regime, 1933-1945, Band 2, Stuttgart 1966, SS. 26-27.
23. THALMANN Rita, op. cit., S 100.
24. HECK Alfons, The Burden of Hitler's Legacy, Frederick, Maryland, 1988, S. 62.
25. FRIEDLÄNDER Saul, op cit., p. 274. Die in seinen Text eingefügten Zitate stammen aus: GEHLER Michael, Murder on Command: The Anti-Jewish Pogrom in Innsbruck, 9-10 november 1938, Leo Beack Institute Year Book,, Nr. 38, 1993.
26. THALMANN Rita, op. cit. S. 200
27. CARON Vicky, Prelude to Vichy: France and the Jewish Refugees in the Era of Appeasement, Journal of Contemporary History, Band 20, Nr.1 (Jänner 1985), S. 161.
28. Coulondre, ambassadeur français à Berlin, à Bonnet, 22 décembre 1938, Documents diplomatiques français, Band. XII, Nr. 309, SS. 572-573, zitiert durch CARON Vicky, op cit., S. 161.
29. Ministère des affaires étrangères, Le livre jaune français. Documents diplomatiques 1938-1939, Paris, Imprimerie nationale, 1939, S. 19.
30. [1] MAGA Timothy P., Closing the Door: The French Government and Refugee Policy, 1933-1939, French Historical Studies, Band. 12, Nr. 3, 1982, S 436.