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Absender: Moses Goldschlagg, Krankenrevier, Baracke 66, Lager von Noé, Département Haute-Garonne. 26. Januar 1942. Liebes Fräulein, Am 19. habe ich Ihren Brief und zwei Tage später Ihr Paket bekommen. Ich musste leider das Bett hüten und konnte daher nicht sofort zurückschreiben. Ich bedauere es sehr. Seien Sie versichert, dass ich Ihnen aus tiefstem Herzen dankbar bin. ![]() Ein paar Worte über mich: Ich komme aus Polen und bin eingebürgerter Österreicher. Am 1. Januar dieses Jahres wurde ich 59. Meine Mutter ist 1918 gestorben. Mein Vater, der 82 Jahre alt ist, sowie meine ganze Familie leben in Polen. Mein Bruder ist Apotheker. Leider höre ich gar nichts mehr von ihnen. Ich ging in Polen in die Schule und auf die Universität. Ich habe ein Doktorat in Jura und habe als Jurist für eine Versicherungsgesellschaft in Wien gearbeitet. Meine ebenfalls polnische Frau ist Apothekerin erster Klasse. Im Jahre 1938, ein paar Tage nach dem Anschluss, bin ich mit meiner Frau und meinem 17-jährigen Sohn aus Österreich nach Belgien geflüchtet.ticket-ratio2 Wie sehr viele andere Ausländer wurde ich am 10. Mai 1940 in Brüssel interniert. Ich wurde dann nach St Cyprien und nach Gurs geschickt, von wo ich im Februar 1941 nach Noé transferiert worden bin. Hier befinde ich mich noch heute. Es ist ein großes Unglück, wenn einem alles versagt ist. In meinem Unglück bin ich noch dazu prostatakrank und ich leide chronisch an einer Magenkrankheit. Meine Schwächung ist allgemein. Bei 1 Meter 75 Körpergröße wiege ich nur noch 50 Kilo. Ihr Paket war mir mehr als nützlich. Herzlichen Dank an die Frau Direktorin für die Socken. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Gutherzigkeit hätten, mir so schnell wie möglich Käse, Schokolade, Marmelade und Fett zu schicken. Für das Krankenrevier werden auch die rationierten Lebensmittel in den Paketen erlaubt. Weil der Winter so streng ist und ich so schwach bin, würde ich im Moment mehr denn je nahrhafte Lebensmittel brauchen. Wenn Sie mir auch zwei Handtücher schicken könnten, wäre ich vollkommen zufrieden. Im Lager gibt es eine Bibliothek. Deswegen glaube ich nicht, dass es notwendig wäre, dass Sie auch noch Bücher schicken. Mögen sie, liebes Fräulein, mir die Ehre und die Freude erweisen, mir weiter zu schreiben. Es bedeutet für mich Hoffnung und Mut. In inniger Dankbarkeit. Hochachtungsvoll. Dr. Moses Goldschlagg. PS: Hochachtungsvolle Grüße an Ihren Vater. 10.2.1942 Liebes Fräulein, Ich habe Ihren freundlichen Brief und Ihr wertvolles Paket am 3. dieses Monats erhalten. Mir fehlen die Worte, um mich bei Ihnen für Ihre extreme Gutherzigkeit zu bedanken. Ich muss Ihnen dafür danken, dass Sie alles wundervoll und richtig ausgewählt haben, was für meine Gesundheit notwendig ist und kann Sie dazu nicht genug beglückwünschen. Ich habe die Hoffnung auf die Zukunft und den inneren Frieden wiedergefunden, als ich von Ihrer lieben Bereitschaft erfuhr, gern an mich denken zu wollen, so weit es Ihnen möglich ist. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich für mich bei der Frau Direktorin sowie bei Ihren zwei Schülerinnen herzlich bedanken würden. Das kräftigende Getränk, das Sie mir geschickt haben, hilft sehr dabei, meinen erschöpften Organismus zu stärken. Ich wartete eben ein paar Tage, um mich bei Ihnen für Ihr Paket zu bedanken, damit ich Ihnen über die Wirksamkeit dieses Getränkes Bescheid geben könnte. Ich bin einverstanden mit Ihrem freundlich ausgedrückten großzügigen Angebot und werde es Sie wissen lassen, sobald die Flasche leer ist. Das sehr kalte Wetter ist meinem gesundheitlichen Zustand schädlich. Ich muss oft im Bett bleiben, aber ich verliere die Hoffnung nicht, dass das schöne Wetter bald zurückkommt. Es berührt mich sehr, dass Sie sich mit so viel Gutherzigkeit um meinen Neffen Henri kümmern. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir ab und zu schreiben würden. Ihre edelmütigen und gutherzigen Worte haben mich tief berührt und ich bedanke mich herzlich bei Ihnen. In inniger Dankbarkeit. Hochachtungsvoll. Dr. Moses Goldschlagg. 27.2.1942 Liebes Fräulein, Ich habe Ihren Brief vom 15. am 18. Februar und das Paket am 21. erhalten. Aus gesundheitlichen Gründen war es mir leider nicht möglich, sofort zurück zu schreiben, wie ich es mir wünschte. Das schlechte Wetter, das hier fast ununterbrochen herrscht, hat einen schlechten Einfluss auf meinen gesundheitlichen Zustand. Ich musste ein paar Tage im Bett bleiben. Nun fühle ich mich ein wenig besser und beeile mich, Ihnen zurückzuschreiben. Ich habe meiner Schwägerin nichts davon geschrieben, damit sie sich keine Sorgen macht. Vielen herzlichen Dank für Ihr Paket. Es ist für meine Gesundheit wirklich wertvoll. Es stärkt meinen Organismus, der sehr geschwächt ist, und macht ihn widerstandsfähiger. Liebes Fräulein, Sie erklären mir, dass mein Dank Sie verwirrt, denn Sie finden, dass das Einander-Helfen die geringste Aufgabe sei, die sich ein jeder unter solchen Unständen zur Pflicht machen kann. Fräulein, ich bin von der Erhabenheit Ihres Gedankens vollkommen berührt. Erlauben Sie mir dennoch, Sie darauf hinzuweisen, dass Sie unter diesen Verhältnissen von vielen Pflichten beansprucht werden und es ist Ihnen hoch anzurechnen ist, dass Sie sie alle erfüllen wollen. Ich bin ebenso berührt, dass es Sie interessiert, wie es mir geht und wie ich meine Zeit verbringe. Ich bleibe gewöhnlich bis 12 im Bett und verbringe die Zeit mit dem Lesen von Büchern und Zeitungen. So bleibe ich informiert, und ich kann meinen Gram vergessen. Gewöhnlich lese ich zwei- oder dreimal dasselbe Buch: Das erste Mal für den Inhalt und dann, um die Details und den Stil zu vertiefen. Hier leben wir wie gute Nachbarn, aber nicht wie gute Freunde miteinander, denn wir kannten uns bevor wir in Noé ankamen nicht, und wir müssen vorsichtig sein. Ich wiederhole meine tiefste Dankbarkeit und ich bitte Sie, mir ab und zu zu schreiben und mir von sich zu erzählen. In inniger Dankbarkeit. Hochachtungsvoll. Dr. Moses Goldschlagg. 9.3.1942 Liebes Fräulein, Ich habe Ihren Brief vom 3. mit Freude erhalten. Leider fühlte ich mich letzte Woche sehr schlecht und habe am Dienstag das Bewusstsein vollkommen verloren. Nun bleibe ich länger im Bett. Mir tut es gut, denn das Ausruhen ist für mich absolut angebracht. Ich habe meiner Schwägerin nichts davon geschrieben, da ich befürchte, sie würde sich Sorgen machen. Wenn ich befürchten würde, Ihre Gutherzigkeit zu missbrauchen, würde ich Sie darum bitten, mir so bald wie möglich ein Paket zu schicken. Die Nahrungsmittel sowie das kräftigende Getränk, die ich letztes Mal bekommen hatte, taten mir sehr gut. Hier ist die neue Regelung für Pakete. Notieren Sie sie bitte ein für alle Mal. In Paketen erlaubte rationierte Nahrungsmittel (aber nur für die Krankenreviere): Butter, Zwieback, Keks, Schokolade, Marmelade, Käse (geschmolzener Emmentaler, Camembert), Schinken, Milch (frisch, Kondensmilch, Pulvermilch), Eier, Pastete, Wurstwaren, Hartwurst, ***Fleisch, Corned Beef etc... Für alle verbotene Lebensmittel: Kakao, Kaffe, Mehl (weiß, mit Milch, mit Schokolade), pflanzliches Fett, Olivenöl, Erdnussöl etc., Speck, alle Trockenengemüse, Nudeln, mehr als 500g Brot und Tee. Ich erhalte hin und wieder durch das Internationale Rote Kreuz von Genf Nachrichten von meiner Familie in Brüssel. Ich wäre Ihnen unendlich dankbar, Fräulein, wenn die Familie Ihrer gnädigen Tante sich bemühen würde, meiner Familie in Brüssel die Ehre zu erweisen, sie kennen zu lernen. Hier ist die Adresse: Anna Goldschlagg, 46 rue Blaes. Ich wäre ihr sehr denkbar, wenn sie meiner Familie nicht sagen würde, dass ich im Krankenrevier krank bin. Sie wissen nicht, dass die Baracke 66 ein Krankenrevier ist. Ich entschuldige mich, schon aufhören zu müssen, aber ich fühle mich müde. Ich bedanke mich unendlich bei Ihnen für alles, was sie für mich tun. In inniger Dankbarkeit. Hochachtungsvoll. Dr. Moses Goldschlagg. 23.3.1942 Liebes Fräulein, ![]() Ich habe Ihren Brief vom 13. und das Paket erhalten. Mein Wortschatz reicht nicht aus, um Ihnen die Gefühle der tiefsten Dankbarkeit, die ich empfinde, für alles, was Sie für mich machen, ausdrücken zu können. 1940_ticketsrationnement5 Das Paket ist in sehr gutem Zustand angekommen. Nur ein Ei war leicht gesprungen, was mich aber nicht davon abhielt, es in meiner Suppe zu essen, genauso wie die drei anderen: Es ist nämlich nicht möglich, im Lager irgendwas zu kochen. Die sehr nahrhaften Lebensmittel, die ich gerade gegessen habe, haben mir sehr gut getan, auch das kräftigende Getränk, von dem ich regelmäßig drei Suppenlöffel zu mir nehme, und das es mindestens noch eine Woche reichen wird, hat für meinen gesundheitlichen Zustand und für meinen sehr geschwächten Organismus eine sehr glückliche Auswirkung. Die Kartoffeln des Pakets sind sogar für das Krankenrevier verboten. Außerdem müssen sie gekocht werden und alle Nahrungsmittel zum Kochen sind streng verboten. Ich bin sehr glücklich zu wissen, dass Sie meinem Schwager auch helfen. Und seine Einstellung ist beneidenswert. Das kann man nicht von jedem behaupten. Er ist aber ledig und muss sich nur um sich selbst kümmern, im Gegensatz zu mir, denn ich bin um meine Familie besorgt. Ich leide sehr darunter, weit weg von meiner lieben Familie zu sein. In solchen Momenten bin ich für großzügige Briefe wie Ihren noch dankbarer. Darin finde ich Trost und Hoffnung. Ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich noch eine Bitte habe, aber Ihr großzügiges Verständnis erlaubt mir, es zu tun: Mir fehlt: eine Schuhbürste, eine Kleiderbürste und Hosenträger. Selbstverständlich müssen sie nicht neu sein. Senden Sie mir sie auf ein Mal, damit es für Sie nicht zu teuer wird. Vielen Dank an Ihre Schülerinnen, die an dem Paket mitgewirkt haben. In inniger Dankbarkeit. Hochachtungsvoll, Dr. Moses Goldschlagg. 27.4.1942 Liebes Fräulein, Ich habe Ihre Briefe vom 13. und 16. am 18. dieses Monats erhalten. Ich bedanke mich aus tiefstem Herzen. Die drei Eier sowie die Zuckerwürfel haben mir sehr gut getan. Das kräftigende Getränk ist stark genug, um mich mit einem Kaffeelöffel davon vor den zwei Malzeiten zu Mittag und um 18 Uhr zu begnügen. Ein Drittel des Briefes wurde zensuriert. Ich bitte Sie, Fräulein, sich für mich bei Ihren Freundinnen zu bedanken, die mir ein Stück Seife beschafft haben, die heutzutage fast nicht zu finden ist. Ich bin Ihnen auch sehr dankbar für Ihr ***, Ihnen meine Wünsche anzuvertrauen. Mir ist es *** unangenehm, Ihre Gutherzlichkeit zu missbrauchen. Jedoch erlaube ich es mir, in außergewöhnlichen Fällen für die notwendigen ***, die man in der Kantine nicht findet. Ich bedanke mich für die Mühe, die Sie sich machen, um mir die Sachen zu beschaffen, nach denen ich in den letzen Briefen gefragt habe. Geben Sie, Fräulein, auch bitte dazu *** Schuhcreme für Halbstiefel und ein paar Umschläge. Bedanken Sie sich für mich bei Ihren Schülerinnen, die so viel *** Interesse zeigen. In inniger Dankbarkeit. Hochachtungsvoll, Dr. Moses Goldschlagg. 23.7.1942 Liebes Fräulein, Ich habe Ihre Briefe vom 12. und 16. und das Paket am 18. dieses Monats erhalten. Ich bedanke mich aus tiefstem Herzen. Leider fühle ich mich seit ein paar Tagen wieder sehr geschwächt. Wahrscheinlich ist es aufgrund des plötzlichen Wetterwechsels. Zur Zeit wiege ich 51 Kilo und 400 Gramm bei 1 Meter 75 Körpergröße. Vielen Dank für den gesendeten Faden. Alle meine Kleider müssen nämlich regelmäßig geflickt werden. Könnten Sie mir auch etwas Schuhcreme schicken? Die Lage meiner Schwägerin macht mich sehr traurig. Aber ich bin sicher, dass Sie alles tun, um ihr Unglück zu erleichtern und das beruhigt mich ein bisschen. Sie lässt schon seit einiger Zeit nichts mehr von sich hören. Wahrscheinlich versucht sie, ihr Unglück vor mir zu verbergen, um mir Gram zu ersparen. Geben Sie mir bitte Nachricht. Ich hoffe, dass der Umstand, dass Sie nun auf dem Land sind, es Ihnen ein bisschen leichter macht, sich die Nahrungsmittel zu beschaffen, die Sie mir senden. Bei mir nichts Neues. Fräulein, ich wünsche Ihnen gute Ferien. Sie haben sie nach einem so belastenden Schuljahr, wie sie mir freundlicherweise in Ihren letzten Briefen geschrieben haben, wohl verdient. Geben Sie mir, bitte, Nachricht über Ihr Leben auf dem Land. In inniger Dankbarkeit. Hochachtungsvoll, Dr. Moses Goldschlagg. Herzliche Grüße an Ihren Vater, dem ich auch schöne Ferien wünsche. Noé, am 14. November 1942 Der Leiter des Lagers von Noé, An Fräulein Alice FERRIERES Lehrerin am Mädchengymnasium. Place du Balat, Murat, Cantal. In Folge Ihres Briefes vom 11. dieses Monats habe ich die Ehre, Sie darüber zu informieren, dass: Goldschlagg Moses Polnischer Staatsbürger Am 22.02.1942 ins Lager von Récébédou (Haute-Garonne) überführt und hernach an einen unbekannten Ort verlegt wurde. Der Lagerleiter: Unterschrift. |
Die Briefe, die wir übertragen haben, stammen aus dem Briefswechsel zwischen Moses Goldschlagg und Alice Ferrières, zwischen 26. Januar und 23. Juli 1942. Moses wurde im Lager von Noé im Département Haute-Garonne interniert. Er wurde in Drohobycz am 1. April 1883 geboren, war Doktor Juris und hatte in Wien am 15. August 1916 Anna Axelrad geheiratet. 1938 flüchtete er aus Osterreich nach Brüssel, wo er am 10. Mai 1940 festgenommen wurde. Danach wurde er in den Lagern von St Cyprien und von Gurs interniert. Sein Weg in den französischen Lagern endete in Drancy, von wo er am 28. August 1942 deportiert wurde. Er war 61 Jahre alt und wurde wahrscheinlich nicht zum Arbeiten ausgewählt, als er in Auschwitz ankam, wo er dann starb. Alice Ferrières hatte verschiedene Hilfsorganisationen kontaktiert, um ihre Hilfe anzubieten. Die Briefe stammen aus der Archivsammlung von Alice Ferrières, die sich im CDJC Mémorial de la Shoah befinden. Sie hat die Entwürfe ihrer Briefe auf der Rückseite von Dokumenten und Vorbereitungsheften für ihren Mathematikunterricht behalten. In einer protestantischen Familie großgeworden, mit der Überzeugung, dass alle Menschen Brüder sind, entschied sich die Mathematiklehrerin am Mädchengymnasiums von MURAT (Cantal) sehr schnell, Personen zu helfen, die von den Deutschen und der französischen Polizei verfolgt wurden. Sie fand Freiwillige, um Juden zu verstecken. So gelingt es ihr zum Beispiel, einige Mädchen des Gymnasiums, an dem sie unterrichtet, sowie eine Gruppe von Jungen der Grundschule von MURAT zu retten. Alice Ferrières wurde im Jahre 1964 für ihre Taten während des Krieges als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. |

