Ab dem 11. November 1942 wird die französische freie Zone von den Achsenmächten kontrolliert. Lyon und Umgebung werden von den Deutschen besetzt. Für zahlreiche jüdische Flüchtlinge, die aus dem Gebiet des Dritten Reiches kommen und die den Razzien des August entkommen sind, ist es Zeit, wieder zu fliehen. Doktor Bernard Halpern bekommt es schon im November 1942 mit der Gestapo zu tun. Er flüchtet zuerst nach Aiguebelette im Vorland von Savoyen. Dann gelingt es ihm, in die Schweiz zu kommen. Viele werden aber den schrecklichen Repressionen nicht entfliehen können, denen sie in der Stadt ausgesetzt sind.
Die Gestapo in Lyon
Im September 1942 lässt sich ein Sonderkommando der Sipo SD in der freien Zone in Lyon nieder. Die SS-Leute, die sich im Kasino des Charbonnières eingerichtet haben, fangen schnell an, die mit Funk operierenden Widerstandskämpfer zu verfolgen und die Juden zu registrieren. Zu dieser Zeit bereitet die Wehrmacht die Invasion in die südliche Zone vor. Die Gestapo kommt nach Lyon. Sie errichtet ihr Hauptquartier im Hôtel Terminus hinter dem Bahnhof von Perrache. In verschiedene Sektionen aufgeteilt, lässt sich die Gestapo auch am Place de Bellecour und in der Ecole de Santé Militaire Avenue Berthelot nieder. Das Regionalkommando Lyon ist für folgende Departements zuständig: Rhône, Savoie, Haute-Savoie, Loire, Drôme, Isère und einen Teil von Ain. Unter den sechs Sektionen in Lyon ist eine besonders gefährlich für die französischen und ausländische Juden: die von Klaus Barbie geleitete Sektion IV ist mit der Verfolgung der „Staatsfeinde“ beauftragt. Die Sektion IV ist diejenige, die sich um die Jagd auf Juden und Widerstandskämpfern kümmert, die foltert, die deportiert. In der Sektion IV sind auch die Spionageabwehr, der Sicherheitsdienst und die Abteilung für den Umgang mit Agenten zu finden. Wenn auch Doktor Knab als KdS der höchste Verantwortliche in Lyon war, so verfügte doch die Gestapo von Klaus Barbie über große Unabhängigkeit, insbesondere, was der Jagd auf Widerstandkämpfer und die „Jüdischen Angelegenheiten“ insgesamt betrifft. Barbie bekam gewisse Aufträge von Knab, die meisten jedoch direkt von General Oberg aus Paris, dem er persönlich über seine Handlungen berichtete. Die Befehle, die Barbie bekommt, sind klar: einerseits soll er die Wehrmacht gegen die Widerstandsaktionen schützen, andererseits soll er die Durchführung der „Endlösung“ unter dem Befehl Adolf Eichmanns unterstützen.
Die Miliz: Hilfsorgan der Gestapo
Im Januar 1943 gründet der Maréchal Pétain die französische Miliz, die die Kollaborationspolitik aktiv unterstützen soll. Als Leiter ernennt er Darnand: einen stark rechts verankerten Mann, der ummittelbar nach dem Waffenstillstand Maréchal Pétain bedingungslos unterstützt. Im August 1943 leistet Darnand Hitler den Treueeid und wird SS-Kommandant. Im Januar 1944 erlaubt Pétain der Miliz die Bildung von Standgerichten. Ab nun an darf die Miliz richten und hinrichten, wie es ihr gefällt. Die von Paul Touvier geleitete Miliz von Lyon bestand aus ungefähr 700 Männern, die den von Vichy festgelegten Kriterien entsprachen: „Freiwillige, die moralisch bereit und physisch geeignet sind, nicht nur den neuen Staat mit ihren Aktionen zu unterstützen, sondern auch zur Aufrechterhaltung der Ordnung beizutragen.“
• Sipo-S.D: Abkürzung für Sicherheitspolizei-Sicherheitsdienst, Staatpolizei des deutschen Staats und der Nationalsozialistischen Partei. • Gestapo: Abkürzung für Geheime Staatpolizei. • S.S.: Abkürzung für Schutzstaffel, eine paramilitärische Organisation, die in die Nationalsozialistische Partei integriert ist. • S.D.: Nachrichtendienst der SS
Oberg, Karl: SS-General in Paris. Knab, Dr: Regionalkommandant der SS in Lyon. Eichmann, Adolf: SS-Kommandant in Berlin, Verantwortlicher für die Logistik der Endösung.
Touvier, Paul : Chef der Miliz in Lyon
Paul Touvier, der Chef der Miliz in Lyon, organisiert eine Razzia gegen Juden, um den Tod eines Kollaborateurs zu rächen. Die Journalistin Annette Lévy-Willard schildert anlässlich des Prozesses von Paul Touvier im März 1994 in der Zeitung Libération die Erschießung von 7 Juden in Rillieux-la-Pape im Juni 1944: Die Alliierten sind vor drei Wochen an der Küste der Normandie gelandet. Für die Vichy-Regierung hat sich der Wind gedreht. Manche Kollaborateure beginnen, Kontakte zum Widerstand zu knüpfen. Es bleiben die Unbeugsamen, die Banden aus Milizsoldaten und vor allem jener Mann der Vichy-Propaganda, dessen Stimme jeden Tag im Radio gegen die Engländer, die Freimauer und die Juden brüllt: Philippe Henriot, Informationsstaatsekretär der Vichy-Regierung. Am 28. Juni im Morgengrauen erscheinen „Milizsoldaten“ in Philippe Henriots Haus. Er macht die Tür auf. Sie erschießen ihn auf der Stelle und sollen vor seiner Leiche militärisch salutiert haben. Dieses Widerstandskommando hat gerade eine jener unglaublichen Handlungen gesetzt, die in die Geschichte eingehen. Vichy hat keinen Sprecher mehr. Die Nachricht wird offiziell von Laval im Radio um 12h40 bekannt gegeben. Wütend machen sich die Milizsoldaten auf die Suche nach Geiseln, um sie aus Rache hinzurichten. In Macon erschießen sie sieben Personen in ihren Häusern
Augenzeugenbericht In einer Zelle im Impasse Catelin, in einem Gebäude der Miliz von Lyon, befinden sich Maurice Abelard, 24 Jahre alt, und mehrere Mithäftlinge. Maurice Abelard wurde einige Tage zuvor wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Londoner Radionetz festgenommen. Sie hören Schreie von draußen und erfahren vor der Essensausgabe, dass Philippe Henriot erschossen worden ist. Als die Milizsoldaten zu ihnen kommen und brüllen „Arschlöcher! Wir werden euch alle kriegen“, verstehen sie sofort, welche Konsequenzen es für sie haben wird. Am Morgen des 28. Juni sind nur ein halbes Dutzend Gefangene in der Zelle. Darunter befindet sich der österreichische Flüchtling Siegfried Prock, 42 Jahre alt, der von zwei Milizsoldaten im Hotel Helder festgenommen worden ist, wo er unter einer falschen Identität wohnte. Die Miliz hatte seinen Namen in der Judenkartei gefunden, die die französische Verwaltung den bewaffneten Milizbanden entgegenkommender Weise gegeben hatte. Unter ihnen gibt es auch zwei Widerstandskämpfer, von denen der eine, Mimile, ein paar Tage zuvor festgenommen worden war. „Er wurde schrecklich verprügelt, aber er sagte nichts“, erinnert sich Maurice Abelard, der von dem Richter Getti 1990 befragt wurde. In der gleichen sechs Quadratmeter großen Zelle sitzt auch der Widerstandskämpfer Louis Goudard, 24,der am 21. Juni festgenommen wurde. Es gibt auch noch einen unbekannten jungen jüdischen Mann, der „mit Pariser Akzent“ spricht. Abelard und Goudard erinnern sich, dass „er in der Zelle Opern sang“. Als der Tod Henriots im Radio bekannt gegeben wird, kommt Paul Touvier aus Vichy in Lyon an. „Ein Mann, den ich kenne, deutet mir, dass ich anhalten soll. Er beugt sich zu mir und sagt: ‚Phillipe Henriot wurde getötet. De Bourmont sucht Sie überall.’“ Er begibt sich nach Progrès, dem regionalen Sitz der Miliz. Dort hatte sein Chef De Bourmont ihm mitgeteilt, dass der SS-Kommandant Knab sich zur Erschießung von „Hunderten von Israeliten“ entschlossen hatte. Laut Touvier dürfte De Bourmont mit Knab verhandelt haben, damit das Ganze „eine ausschließlich französische Angelegenheit“ bleibe. Er dürfte auch erreicht haben, dass die Zahl der Opfer sich „auf dreißig beschränkt“. In seinen zahlreichen Aussagen dazu konkretisiert Touvier nie, was er an diesem Nachmittag gemacht hatte. Er wiederholt nur: „ Meine Rolle bestand darin, sieben Gefangene auszuwählen.“ Zu Beginn dieses Nachmittags hätte Touvier in seinem Miliz-Gefängnis genug inhaftierte Widerstandkämpfer gehabt, um sie als Vergeltungsmaßnahme hinzurichten, dennoch sind es offensichtlich Juden, die er töten will, denn er schickt seine Milizsoldaten auf „Judenjagd“ durch Lyon. Den ganzen Tag füllt sich die Zelle mit Geiseln. Am 28. Juni geht die Tür ununterbrochen auf und zu, erinnert sich Abelard. „Dann ist Glaeser angekommen. Dieser Mann hat auf mich einen großen Eindruck gemacht, er war sehr vornehm. Ich habe ihm gesagt, dass ich ein Widerstandkämpfer sei und ich habe ihn gefragt, warum er festgenommen wurde. Er hat mir geantwortet: „Ich bin Jude“. Aufgrund meines Ausrufs hat er verstanden, dass er verloren war. Er meinte: „Ja, ich weiß, aber wir sollen unsere Würde bewahren und uns nicht gehen lassen“. Léon Glaeser wurde von den Milizsoldaten am Bahnhof festgenommen. Als Rechtsanwalt und Rechtsberater ist er in Lyon bekannt, denn er leitet das jüdische Verteidigungskomitee: eine Hilfs- und Selbsthilfeorganisation für die Opfer des Nationalsozialismus und eine Organisation für den nicht bewaffneten Widerstand. Für seine Tätigkeit muss er reisen, deshalb befindet er sich an diesem 28. Juni 1944 auf dem Bahnhof. Vierzehn Tage später werden die Milizsoldaten zu seiner Frau gehen und das Geld des jüdischen Hilfskomitee stehlen. Bis zum Sonnenuntergang setzen Touviers Milizsoldaten ihre Jagd fort und inhaftieren Juden, die in Lyon schon ausgeforscht waren. Manche, wie Emile Zeizig, versteckten sich nicht, denn sie fühlten sich vor allem als Franzosen. Emile Zeizig wurde 1887 in Saint-Foy-lès-Lyon geboren und ist nicht praktizierender Jude. Dennoch hatte er sich gegen den Rat seiner Freunde in der Judenkartei in Lyon registrieren lassen. Nächtliche Razzien in Lyon Zur Abendessens-Zeit des 28. Juni tauchen vier Milizsoldaten im Modewarengeschäft auf dem Platz Xavier Ricard im Saint Foy-lès Lyon auf. Zuerst stehlen sie die Kassa. Dann gehen sie in den ersten Stock, verprügeln Emile Zeizig vor den Augen seiner Frau, durchsuchen die Wohnung, stehlen Geld, Schmuckstücke, Dokumente, und nehmen Zeizig mit. Im Laufe der Untersuchung von 1945 wird Lucienne Zeizig denjenigen identifizieren, der ihren Mann festgenommen hat: Jean Reynaudon, interimistischer Leiter der 2. Abteilung, Stellvertreter von Touvier. Reynaudon kommt am 29. Juni zurück, um mit anderen Milizsoldaten das Geschäft des Hingerichteten zu plündern. Ebenfalls zur Abendessens-Zeit begibt sich eine andere Gruppe von Milizsoldaten in ein Restaurant von Lyon, das Pied de Cochon. Edouard Lew ist 34, Vertreter eines Modehauses. Er sitzt gerade mit seinem Freund, dem 24-jährigen Claude Ben Zimra, am Tisch, ein Schaufensterdekorateur, der so wie er Flüchtling in Lyon ist. Sie treffen sich jeden Abend in diesem Restaurant. Beim Eintreten hat Lew zwei Männer in einem Citroën bemerkt. Kaum sitzt er, dringen die beiden Männer mit Pistolen im Anschlag in das Restaurant ein und schreien „Identitätskontrolle“. Lew erkennt mit Bestürzung einen der beiden Männer: er ist einer seiner Kunden, Lucien Brogi. Die Milizsoldaten nehmen Lew, Ben Zimra und einen Dritten mit und lassen sie hinten in den Citroën einsteigen. „Der mit uns festgenommene Mann ist zu Tode erschreckt und sagt mir: ‚Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich bin ein polnischer Jude, ich habe eine Frau und Kinder und ich weiß, dass infolge des Mordes an Philippe Henriot die Miliz Juden als Geiseln sucht, um sie zu erschießen’“ erinnert sich Edouard Lew, der ihm antwortet: „Beruhigen sie sich, es wird uns nichts passieren, so schnell wird man nicht erschossen...“ Lew hatte einen richtigen Ausweis, jedoch ohne den Stempel „Jude“. Er behauptet gegenüber den Milizsoldaten, er sei kein Jude. „Brogi dreht sich zu Claude um und sagt zu ihm: ‚Du bist Jude’ Claude zuckt mit den Achseln, ohne ein Wort zu sagen. Brogi entgegnet: ‚Du weißt, dass wir ein sehr einfaches Mittel haben, um zu erfahren, ob du uns die Wahrheit sagst’. Claude antwortet nicht.“ Lew wird schließlich freigelassen. Die Milizsoldaten behalten Ben Zimra und den dritten Juden. Indessen hat die Miliz noch einen Juden, den 64-jährigen Lederwarenhändler Maurice Schlusselman aus Warschau festgenommen. Es ist der Milizsoldat Edouard Arnaud, pensionierter Polizeikommissar und Leiter des Amtes für Familienzulagen, der ihn in einem kleinen Lebensmittelgeschäft mit zwei anderen „Inspektoren“ festnimmt. Arnaud stiehlt das Geld, das Schlusselman bei sich hatte und übergibt es dann dem „Chef André“. Ein siebter Jude, der 40-jährige aus Posen (Polen) stammende Louis Krzyzkowski, Spielzeughersteller in Paris, kommt ebenfalls in die Zelle. Um zehn Uhr abends sitzen elf Gefangene in der winzigen Zelle der Miliz. Maurice Abelard wird abgeholt und im großen Gemeinschaftssaal eingesperrt. Bei Tagesanbruch öffnet Henri Gonet, der die Verhöre für Touvier führte, die Tür der Zelle mit einer Liste in der Hand, wie Louis Goudard bezeugt: „Gonet ruft zuerst drei nichtjüdische Jugendliche auf und schickt sie in den großen Saal, in dem sich Abelard befindet. Danach hat Gonet namentlich nacheinander die sieben Juden aufgerufen. Zuletzt ist mein Name genannt worden. Ich habe ironisch gefragt, ob ich meine persönlichen Gegenstände mitnehmen sollte. Gonet hat mir geantwortet, dass es nicht nötig sei.“ Die acht Männer - Prock, Glaeser, Ben Zimra, Zeizig, Schiusselman, Krzyzkowski, der Unbekannte und Goudard - werden an die Gangmauer gestellt. Dann kommt Touvier vorbei. „Er hat Gonet gerufen, sie haben sich leise unterhalten.“ Louis Goudard, der einzige Nicht-Jude der Gruppe, wird in die Zelle zurückgebracht. Goudard widerlegt später die Behauptungen von Touvier und erklärt: „Keiner dieser sieben Männer war Widerstandskämpfer, ich kann es bezeugen, denn ich war verantwortlich für den Nachrichtendienst des FTP auf regionaler Ebene. Es war eine rassistische Tat“.
Erschießung im Morgengrauen
Edmond Fayolle, der so wie die anderen Milizsoldaten seine Teilnahme am Verbrechen leugnen wird, wird dennoch bestätigen, dass er mit Arnaud, beim Abzug der sieben Opfer mit den Milizsoldaten anwesend war: „Es war drei Uhr Früh, als ich die mit Maschinenpistolen bewaffneten „Francs-Gardes“, die die Gefangenen begleiteten, hinuntergehen sah. (...) Zuvor hatte ich meinen Chef Touvier gesehen und gehört, wie er Befehle gab. Er hatte gefragt, ob die Kartons bereit seien… Ich nehme an, dass Touvier an der Hinrichtung teilgenommen hat, da er die Vorbereitungen angeordnet hat“. Der Lieferwagen fährt weg, vor ihm Touviers Citroën. 3 h 30 morgens. Ein anderer Jude, Max Rozencwaig, wird zur Miliz gebracht. Touvier sagt: „Er hat Glück. Wenn er eine Viertelstunde früher angekommen wäre, wäre er mit den anderen gegangen, um erschossen zu werden“. Photo: deutsche Soldaten betrachten Leichen, die am Fuße einer Mauer liegen. Nach der Erschießung durch die Männer der Miliz im Morgengrauen kommen deutsche Soldaten ein wenig später dazu. 5 Uhr. Eine Anreinerin des Friedhofs von Rillieux-la-Pape hört eine Schießerei. Kommissar Faury wird sofort zum Ort des Geschehens gerufen und findet ein Abzeichen der Miliz. Er wird an diesem Morgen des 29. Juni 1944 in seinem Bericht schreiben: „Am Rand des unbefestigten Weges, der entlang der Westmauer des Friedhofs von Rillieux führt, liegen sieben männliche Leichen auf dem Rücken, die Beine in Richtung Mauer, die alle ein jüdisches Profil haben… Jede weist zahlreiche Einschüsse sowohl am Kopf als auch auf der Brust auf. Bei jeder Leiche befindet sich ein weißes Kartonrechteck, auf dem in Großbuchstaben ein Name und ein Anfangsbuchstabe aufgeschrieben ist“.
Bei allen außer bei einem: dem Unbekannten, der die Tosca sang, bevor er ermordet wurde. Annette LEVY-WILLARD, Libération, 17. März 1994