Am 11. Mai 1987 wird die Anklageschrift im Justizpalast von Lyon verlesen: Klaus Barbie erschient vor Gericht, um sich für seine Beteiligung an der Razzia von Izieu zu verantworten.
Die Kolonie
Izieu ist ein kleines oberhalb eines Arms der Rhône an der Grenze von drei französischen Departements – Ain, Isère und Haute Savoie – gelegenes Dorf. Das Dorf wurde berühmt durch die Tragödie, die am 6. April 1944 stattfand. Am diesem Tag werden vierundvierzig jüdische Kinder und ihre sieben Erzieher von Männern der Gestapo von Lyon, deren Chef Klaus Barbie ist und die von einem Bataillon der Wehrmacht begleitet werden, festgenommen.
Eine einzige Erzieherin wird die Razzia und die Deportation überleben. Lea Feldblum wird 1987 bei Klaus Barbies Prozess in Lyon als Zeugin aussagen.. Barbie wird für das Verbrechen von Izieu verurteilt. Auf dem Weg zum Dorf, ein paar hundert Meter vor der Kirche, liegt leicht abseits der Weiler von Lélinaz, in dem sich das Haus befindet, das als Kolonie für jüdische Flüchtlingskinder diente.
Der Vizepräfekt von Belley (im Departement Ain) Pierre-Marcel Wiltzer bietet das Haus Sabine Zlatin an, damit sie dort im Frühling 1943 eine Kinderkolonie einrichtet. Ohne es offen zu sagen, weiß der Vizepräfekt, dass es sich um jüdische Kinder handelt, die aus Lodève im Departement Hérault kommen und vor Gefahr geschützt werden müssen. Er schlägt das Haus im Weiler von Lélinaz vor, denn es liegt geschützt abseits von der Strasse nach Belley am Eingang von Izieu. Sabine Zlatin nimmt das Angebot an und fängt mit ihrem Mann Miron an, die notwendigen Schritte einzuleiten, um die Kinder hin zu bringen und Erzieher zu finden, die sie betreuen werden. Manche Kinder kommen aus den südfranzösischen Lagern. So waren Mina und Claudine Halaunbrenner in Rivesaltes mit ihrer gesamten Familie interniert.
Mina Halaunbrenners Karteikarte in Rivesaltes,Photographie Dorot, Quelle AD 66.
Nach und nach füllt sich das Haus. Die Zahl der Kinder steigt bis September 1943 ständig. Zu diesem Zeitpunkt sind es vierundsechzig in den Schlafsälen im ersten Stock und im Nebengebäude, wo die Älteren schlafen. Im September 1943 ist Izieu nach dem Einmarsch der Wehrmacht in der italienischen Zone wieder in Gefahr. Manchen Eltern gelingt es, ihre Kinder abzuholen und zu fliehen. Andere werden deportiert oder müssen sich verstecken und die Kinder müssen in der Kolonie bleiben. Zu Schulbeginn im Oktober wird von der Vichy-Regierung eine junge Lehrerin ernannt, die Kinder in einem Raum des Hauses unterrichtet. Die Älteren gehen ins Collège nach Belley. Gabrielle Perrier wird ihre Stelle bis zum 6. April 1944 behalten. An diesem Tag fangen die Osternferien an.
Im Auftrag der OSE und des Garel-Netzes (Widerstandsorganisationen) versucht Sabine Zlatin, das Haus von Izieu zu schließen, aber es gelingt ihr nicht. Es ist schwierig, einen sicheren Ort für die Kinder zu finden. Die Gefahr kommt näher. Am 7. Januar 1944 wird Albert Bendrihem, Arzt in Brégnier-Cordon, festgenommen und deportiert. Trotz der antijüdischen Gesetzte von Vichy übte er seinen Beruf weiter aus. Im Februar nimmt die Gestapo das Personal der OSE in Chambéry fest.
Die Kolonie ist immer noch nicht aufgelöst (siehe oben) und die Razzia erfolgt am Donnerstag, dem 6. April 1944, als gerade alle zum Frühstück gerufen wurden. Léon Reifmann ist der einzige, der durch das Fenster im Treppenhaus fliehen kann. Er springt hinaus und läuft zum Wald hinter dem Haus. Seine Schwester Sara, sein Neffe Claude und seine Eltern werden festgenommen.
Die Kinder
Sami Adelsheimer, 5 Jahre alt Hans Ament, 10 Jahre alt Nina Aronowicz, 12 Jahre alt Max-Marcel Balsam, 12 Jahre alt Jean-Paul Balsam, 10 Jahre alt Esther Benassayag, 12 Jahre alt Elie Benassayag, 10 Jahre alt Jacob Benassayag, 8 Jahre alt Jacques Benguigui, 12 Jahre alt Richard Benguigui, 7 Jahre alt Jean-Claude Benguigui, 5 Jahre alt Barouk-Raoul Bentitou, 12 Jahre alt Majer Bulka, 13 Jahre alt Albert Bulka, 4 Jahre alt Lucienne Friedler, 5 Jahre alt Egon Gamiel, 9 Jahre alt Maurice Gerenstein, 13 Jahre alt Liliane Gerenstein, 11 Jahre alt Henri-Chaïm Goldberg, 13 Jahre alt Joseph Goldberg, 12 Jahre alt Mina Halaunbrenner, 8 Jahre alt Claudine Halaunbrenner, 5 Jahre alt Georges Halpern, 8 Jahre alt Arnold Hirsch, 17 Jahre alt Isidore Kargeman, 10 Jahre alt Renate Krochmal, 8 Jahre alt Liane Krochmal, 6 Jahre alt Max Leiner, 8 Jahre alt Claude Levan-Reifman, 10 Jahre alt Fritz Loebmann, 15 Jahre alt Alice-Jacqueline Luzgart, 10 Jahre alt Paula Mermelstein, 10 Jahre alt Marcel Mermelstein, 7 Jahre alt Theodor Reis, 16 Jahre alt Gilles Sadowski, 8 Jahre alt Martha Spiegel, 10 Jahre alt Senta Spiegel, 9 Jahre alt Sigmund Springer, 8 Jahre alt Sarah Szulklaper, 11 Jahre alt Max Tetelbaum, 12 Jahre alt Herman Tetelbaum, 10 Jahre alt Charles Weltner, 9 Jahre alt Otto Wertheimer, 12 Jahre alt Emile Zuckerberg, 5 Jahre alt
Die Erzieher Lucie Feiger, 49 Jahre alt Mina Friedler, 32 Jahre alt Sarah Levan-Reifman, 36 Jahre alt Eva Reifman, 61 Jahre alt Moïse Reifman, 63 Jahre alt Miron Zlatin, 39 Jahre alt
und Lea Feldblum, 27 Jahre alt, einzige Überlebende.