Unter den zahlreichen Glücksfällen in meinem Leben haben sich die entscheidendsten auf meine ersten Lebensjahre konzentriert. Zu allererst dass meine Eltern den Scharfblick gehabt haben, zuerst Wien, und dann drei Jahre später Paris rechtzeitig zu verlassen, und dass sie im Dorf Fons im Département Lot Zuflucht gefunden haben, dessen Bevölkerung ausnahmslos unsere Familie geschützt hat, sodass wir den Krieg fern von Razzien, Lagern und Deportationen verbracht haben.
Dass, am 20. September 1937 in Wien geboren, ich zu jung war, um die etwas dramatischen Umstände unserer Flucht und die Unsicherheit unserer Lage als Flüchtlinge zu erfassen, aber doch alt genug, um mich später an die Jahre ab etwa 1940 zu erinnern. Und dass ich nicht in einer sprachlosen Familie, wie es so viele gibt, aufgewachsen bin, sondern in einem Kreis, in dem sowohl über die Erlebnisse der Kleinfamilie zwischen Wien und Paris, später Fons1, gesprochen wurde, als auch über das, was der größeren Familie widerfahren ist, die zum Teil in alle Windrichtungen emigriert ist, zu einem viel größeren Teil jedoch durch die Nazis ermordet wurde. Und schließlich dass meine Eltern lange genug gelebt haben2 , um mir viel Gelegenheit zu geben, mit ihnen von einer Zeit zu sprechen, die für viele Freunde und Freundinnen, die eine ähnliche Kindheit wie ich hatten, ein großen schwarzes Loch ist. Darüber hinaus haben mir meine Eltern zwei große Kartons hinterlassen, angefüllt mit Briefen und anderen Dokumenten, denen ich noch lange nicht alle interessanten Einzelheiten über die Jahre entlockt habe, die für mich nicht dunkel waren, denn weder sind sie mir unbekannt, noch waren sie unglücklich.
Einige Worte über die jeweiligen Familien, denen meine Eltern entstammten: Meine Mutter Franziska Grünhut, geboren in Wien am 18. August 1908 – dem 78. Geburtstag von Kaiser Franz-Josef, dessen Namen sie trägt - Franz(-Josef) – Franzi(ska), in dem Jahr, in dem die Monarchie sein 60. Regierungsjubiläum feierte -, wuchs in einer kleinbürgerlichen, sehr assimilierten, sehr geordneten, aus Böhmen (meine Großmutter Hedwig Salus) und aus Schlesien (mein Großvater Friedrich Grünhut) stammenden jüdischen Familie auf. Meine Großeltern hatten sich nach ihrer Heirat in Wien niedergelassen. Die christliche („arische“) Familie meines Vaters Karl Hartl, in Wien am 30. Juni 1909 geboren, war noch bescheidener als die Grünhuts; Unordnung stellte sich ein, nachdem meine väterliche Großmutter 32-jährig (an Diabetes, ungefähr zur Zeit der Entdeckung des Insulins) gestorben war, die einen hilflosen Witwer hinterließ, der sich als unfähig erwies, seinen damals 12-jährigen Sohn aufzuziehen, dessen intellektuellen Bestrebungen er nicht verstand. Schließlich ermöglichten ihm seine mütterliche Großmutter und seine Tante trotz äußerst prekärer Lebensumstände den Besuch der Mittelschule und sogar ein Hochschulstudium.
Die Wege des ordentlichen jungen Mädchens und des etwas chaotischen langen Kerls aus recht verschiedenen Kreisen kreuzten sich in der sozialistischen Jugendbewegung. Der ältere Bruder meiner Mutter, Paul, der einige Jahre später in der Tatra tödlich verunglückte, nahm sie zu den sozialistischen Mittelschülern mit, mein Vater wurde in die Welt des Intellekts und der Politik durch jüdische Mittelschulkollegen eingeführt, die ihm eine geistige Offenheit offenbarten, die er in seiner Familie nicht gekannt hatte. Franzi und Karl trafen einander also 17-jährig in der sogenannten VSM und traten nach der Matura zu den Sozialistischen Studenten über, denen ein Teil der sozialistischen politischen Elite der Nachkriegszeit und der jüdischen geistigen Elite hervorgegangen ist, von der nur ein kleiner Teil nach 1945 nach Österreich zurückkehrte. Meine Mutter studierte Medizin und arbeitete bis zu meiner Geburt im Wiener Franz-Josephs-Spital, mein Vater studierte an der Hochschule für Welthandel und hatte einige weder sehr einträgliche noch sehr befriedigende Jobs. Nebenbei arbeitete er an der berühmten Studie über die Arbeitslosen von Marienthal Paul Lazarsfelds und Marie Jahodas mit und schrieb drei Kinderbücher, die einen ziemlich dauerhaften und sogar internationalen Erfolg hatten. Meine Eltern heirateten Ende Dezember 1936 (zu dieser Zeit sollen 25% der Wiener Juden gemischte Ehen eingegangen sein)3, ich wurde neun Monate später geboren. Die kleine Familie wohnte in einem Zimmer in der Wohnung der jüdischen Großeltern Grünhut in der Radetzkystraße im 3. Bezirk.
Meine Eltern hatten sich von Jugend an eingehend mit Politik beschäftigt und verfolgten mit zunehmender Sorge die Ereignisse in Deutschland und Österreich seit dem Machtantritt Hitlers. Daher kam der Anschluss für sie nicht unerwartet. Am 14. März 1938, zwei Tage nach dem deutschen Einmarsch in Österreich und am Tag des (leider triumphalen) Einzugs Hitlers in Wien, erhielt mein Vater die Warnung eines Freundes, der selber Nazi war, dass er wegen seiner Tätigkeit bei den illegalen Sozialisten auf der Verhaftungsliste der Gestapo stehe und das es ratsam wäre, er würde das Land schleunigst verlassen. Heftige Diskussionen im Familienkreis: Karl muss unbedingt weg, Franzi hat gerade eine Ordination eröffnet, hat ihre alten Eltern und das sechs Monate alte Kind und bliebe lieber da, Karl fährt nicht ohne sie; lässt man Annie bei den jüdischen Großeltern oder bei Karl Hartl Senior mit seiner zweiten Frau? Karl dekretiert: „Das Zwergerl kommt mit!“
Lisl Schilder ruft an: ein letzter Zug fährt heute Abend vom Westbahnhof ab, der soll ohne größere Schwierigkeiten über die Schweizer Grenze kommen. In aller Eile packt Franzi Krawatten und keine Unterhosen ein. Unser Taxi soll die Lindengasse hinaufgefahren sein, als Hitler die Mariahilferstraße unter dem Jubel der Bevölkerung hinunterfuhr. Am nächsten Tag sucht die Gestapo vergeblich nach Karl Hartl bei seinen jüdischen Schwiegereltern.
Mama setzt sich mit mir und Lisl zu anderen verängstigten Jüdinnen in ein Abteil – Schreck verbreitet unter anderem dieser große Lackel mit Hakenkreuz-Armbinde, der am Gang auf und ab geht (mein verkleideter Vater). Ich brülle stundenlang. An der Grenze werden wir bis auf die Haut durchsucht. Mein Vater versichert, dass die schöne germanische Familie mit dem herzigen blonden Baby (unser Pass trug noch nicht das später durch die Schweiz geforderte J) nur kurz in Zürich bleiben wird, bis die Mutter sich von Schwangerschaft und Geburt (nach 6 Monaten!?) erholt hat, um dann schleunigst zurückzukehren, um am durch den Anschluss zu erwartenden Aufbau mitzuwirken. Als der Zug bei Buchs den Rhein überquert, wirft er die Armbinde in den Fluss, die erstaunten Mitreisenden beruhigen sich und Mama kann endlich dem Vater das noch immer brüllende Kind in die Arme legen.
Auf dem Weg nach Paris machen wir in Zürich halt. Mama und ich wohnen bei der Familie Banyai (ein ehemaliger Lehrling meines Großvaters, wo sie schon nach 1918 einige Monate verbracht hatte, um der Hungersnot in Wien zu entgehen), mein Vater muss sich ein Hotelzimmer nehmen. Angesichts des Flüchtlingsstroms rationiert die Schweiz die Milch, meine Mutter wird nervös und will nach Wien zurück. Es gibt Gerüchte, dass der französische Regierungschef Léon Blum (ein jüdischer Sozialist) befohlen hat, die Grenze zu sperren. Die Banyais beruhigen: Die Zöllner werden dem Befehl nicht Folge leisten. Einige Tage später überqueren wir tatsächlich bei Basel die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich.
In Paris wohnten wir vorerst im Hotel. Meine Mutter kannte die Stadt nicht und begab sich samt Kinderwagen auf Sightseeing. Sie hatte etwas Geld mitnehmen können: Sie hatte von reichen Prager Verwandten eine Mitgift gekommen, außerdem wurde ihr nach einem Prozess gegen den Ständestaat nachträglich die Bezahlung für jahrelange unendgeldliche Spitalsarbeit erstattet. Als sie in einer Bank ein Konto eröffnen wollte, war sie höchst erstaunt, als der Bankbeamter ihr sagte: „Wo ist ihr Mann? In Frankreich darf eine verheiratete Frau ohne Erlaubnis ihres Ehemannes kein Konto eröffnen.“ Da man damals in Österreich Französisch als erste Fremdsprache in der Mittelschule lernte, hatten meine Eltern keine Sprachschwierigkeiten, meine Mutter hatte sogar ca. zehn Jahre zuvor einen Sommerkurs in Grenoble gemacht. Dennoch erstaunte sie einmal einen Verkäufer, als sie ihn auf der Suche nach einem starken Zwirn fragte: „Avez-vous un fils très fort?“ In einem anderen Geschäft bat man sie, einer Tschechin, die sich nicht verständigen konnte, zu helfen. Sie versuchte zu erklären, dass sie Österreicherin sei und daher Deutsch und nicht Tschechisch spreche: „Wie können Sie als Ausländerin so unsolidarisch sein und einer anderen Ausländerin nicht helfen!?“
Meine Eltern fanden bald im Pariser Vorort Plessis-Robinson ein Haus am Waldesrand. Unsere Nachbarn waren Wiener Cousins meines Großvaters, deren Sohn Edgar Lederer ein berühmter französischer Biochemiker werden sollte. Er hatte mit seiner französischen Frau und seinen zwei ältesten Kindern (die Kinderschar vermehrte sich mit der Zeit auf sechs Stück) nach einigen Jahren in der Sowjetunion diese zum Glück rechtzeitig verlassen und wohnte im Nachbarort. Seine älteste Tochter Marianne, wie ich Konferenzdolmetscherin, wohnt noch immer unweit von dort. Ein österreichischer Freund meines Vaters, der Journalist Julius (Jules) Klanfer, verschaffte meinen Großeltern ein französisches Visum. Ihre ältere Tochter Emmy, die mit ihnen in Wien geblieben war und sie nötigenfalls bis in die Gaskammern begleitet hätte, hatte eine Stelle als Hausangestellte in England bekommen – solche Stellen haben vielen alleinstehenden Frauen das Leben gerettet. Nachdem sie beim Hartl-Großvater die wenigen Wertgegenstände, die die Familie besaß und die wir nach dem Krieg bei ihm abholten, untergestellt hatte, begleitete Emmy ihre Eltern nach Paris und fuhr einige Tage später nach London weiter.
Als die Familie nach dem Krieg feststellte, dass meine Großeltern fast die einzigen aus der alten Generation waren, die den Holocaust überlebt hatten, verzieh sie meiner Mutter, einen „Goj“ geheiratet zu haben. Die meisten Jüngeren hatten Wien bzw. Prag verlassen und hatten ihre alten Eltern zurückgelassen, ohne zu ahnen, dass deren Leben in Gefahr war. Die KZs überlebten als einzige die Ärzte – zwei Großonkeln und ein Onkel. Wir verdanken zweien von ihnen die Chronik des Grauens: Ein Brief meines Onkels Bernie Pollack, nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert, der später in Kanada lebte, vom Sommer 1945 legt auf zwei Seiten das ganze Ausmaß der familiären Katastrophe dar. Ein von meinem Großonkel Richard Salus, Arzt in Theresienstadt, erstellter Stammbaum der besonderen Art listet auf zwei Spalten einerseits die Opfer, andererseits die Überlebenden auf. Eine Nichte meines Großvaters, Großmutter meiner neuseeländischen Kusine/Nichte Dorothy (einer Freundin Margit Fischers, bei ihren Wien-Besuchen wohnt sie auch bei Fischers), schrieb meiner Großmutter bei einer Zwischenstation in Hongkong auf dem Weg nach Australien: „Es lebe unser Führer, ohne ihn hätte ich nie eine so schöne Reise gemacht.“ Es gab noch keine Vernichtungslager, da konnte man sich solche Witze zur Not noch erlauben. Diejenigen, die ihre Eltern nicht wiedergesehen haben, haben bis an ihr Lebensende eine offene Wunde in sich getragen und sind niemals nach Wien bzw. nach Prag zurückgekehrt. Die Familie Hartl ist als einzige heimgekehrt, die gemeinsame Sprache der Nachkommen der Familie Salus/Grunhüt ist somit nicht mehr Deutsch, sondern Englisch.
Unser Haus in Plessis-Robinson wurde zur Zwischenstation für Verwandte und Freunde, denen es gelungen war, aus Österreich herauszukommen und die unterwegs nach England oder Amerika waren. Ein Cousin meiner Mutter, Felix Steiner, kam eines Tages ganz verstört zu uns: Ein Freund hatte gerade eine Wahnsinnstat begangen – es war Herschel Grynspan, der auf den deutschen Botschaftsattaché geschossen hatte, die Folgen sind bekannt. Ich habe selbst, wie meist aus den ersten Lebensjahren, aus dieser Zeit einige blitzlichtartige Erinnerungen: der Wald hinter unserem Haus, das Schaukelpferd und das rote Kinderauto meines Freundes Gérard, eine Nacht in einem Keller, ich in einem großen Strohkoffer, in der Ferne Kanonendonner, sehr interessant. Und die einzige Erinnerungen an die große Flucht nach Süden: Meine Eltern und ich und einige andere Leute in einer Scheune...?
Mehrere, einander teilweise widersprechende Werke berichten von der Tätigkeit und den Konflikten der österreichischen sozialistischen Flüchtlinge in Paris zwischen 1938 und 1940, in die mein Vater auch verwickelt war. Ich weiß nicht, welcher Art seine Aktivitäten für die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg waren; hingegen weiß ich, dass er Sendungen für Österreich in dem von den Engländern unterhaltenen Rundfunksender in Fécamp machte; und dass er an der Bildung einer österreichischen Exilregierung mitwirkte, die alle politischen Kräfte vereinen sollte, inklusive Otto Habsburg, mit dem er direkt verhandelte, was ihm, zusammen mit anderen Unbotmäßigkeiten, den Ausschluss aus der Sozialdemokratischen Partei einbrachte. Die meisten seiner Genossen lehnte jeden Pakt mit den „reaktionären Kräften“ ab; manche wünschten sich die Aufrechterhaltung des Anschlusses Österreichs an ein demokratisches Deutschland (eine wiedererstandene Weimarer Republik) nach der Niederlage Hitlers, was mein Vater, der nicht nur die deutschen Nazis, sondern die Deutschen überhaupt verabscheute, nie akzeptiert hätte. In einem Brief an seine Tante Poldi vom 4. Juni 1939 (drei Wochen vor seinem 30. Geburtstag, knapp drei Monate vor Kriegsbeginn) berichtet er von einem neuen Buch, das er zu schreiben begonnen hat, von der Aussicht, Korrespondent der Times in Frankreich (ohne Englischkenntnisse!?) oder Kriegsberichterstatter in China zu werden, ein Angebot, das er wegen Frau und Kind leider nicht annehmen kann..., und verspricht, sie in Kürze in Zürich zu treffen – Träume, Illusionen, und Heimweh.
Er traf regelmäßig seinen Freund Professor Dominois, den er auf einem Flug von Wien nach Prag kennen gelernt hatte, und der ihm angeboten hatte, erforderlichenfalls sein Landhaus in Fons im Département Lot zu verwenden. Nach einem gemeinsamen Mittagessen erlag Herr Dominois völlig unerwartet in der Métro einem Herzinfarkt, ein schrecklicher Schock für die Familie und für meinen Vater. Die Familie hielt dennoch sein Angebot aufrecht, sodass wir bei der durch den Einmarsch der Deutschen ausgelösten Massenflucht nach Süden das große Glück hatten, zu wissen, wohin. Wir haben uns in drei Gruppen aufgeteilt, meine Mutter fuhr mit mir, mein Vater hatte noch in Paris zu tun, und meine Großeltern sind wahrscheinlich mit Erwin Margulies, einem Freund meines Vater, im Auto gefahren. Erwin verbrachte den Krieg in Fons mit uns; der Citroën stand mangels Benzin vier Jahre lang in unserem Hof.
Ich habe keinerlei Erinnerung an die Flucht von Paris nach dem Süden, meine Mutter hat mir aber erzählt, dass sie mir eindringlich eingeschärft hatte, ja kein lautes deutsches Wort zu sagen. Da ich aber noch nicht Französisch konnte, soll ich in einem überfüllten Gasthaus sehr vernehmlich verkündet haben, dass ich Lulu musste. Da sie mich unbedingt zum Schweigen bringen musste, verabreichte mir meine Mutter ein Tracht Prügel, zur großen Empörung der anderen Mütter. Als wir in Cahors ankamen, wurden wir mit anderen Müttern und ihren Kleinkindern (hauptsächlich Belgierinnen und Elsässerinnen) in einem Kloster interniert. Da die Erdbeeren reif waren, erlaubten uns die Nonnen nicht, in den Garten zu gehen. Eine französische Ärztin kam eines Tages zu einer Inspektion und befand alles in Ordnung. Meine Mutter machte ihr einen regelrechten Skandal. Wie konnte sie, als Frau und Ärztin, es in Ordnung finden, dass man Kindern verbietet, ins Freie zu gehen! Daraufhin wurden wir von einem Gendarmen zu einem Verhör geführt. Als wir einen von Menschen wimmelnden Platz überquerten, rief ihr ein Mann zu: „Madame Hartl, Madame Hartl, ich soll Ihnen von Ihrem Mann etwas ausrichten.“ Man hat nie erfahren, wie er sie erkannt hatte.
Die ganze Familie traf sich in Fons wieder, einem sehr malerischen Dorf mit damals 500 Einwohnern, 12 Kilometer von der nächstgelegenen Stadt Figeac im Département Lot gelegen. Die Familie Dominois/Monteil, die Paris ebenfalls verlassen hatte, wohnte im Dorf, ihr Haus im Weiler Piers, ca. 1 Kilometer von Fons entfernt, stand uns zur Verfügung. Das Haus war schon lange unbewohnt gewesen, es musste daher gründlich geputzt werden, elektrischer Strom wurde in Fons erst nach unserer Ankunft eingeleitet. Mein Vater und meine Großmutter (meine Mutter machte ihnen da keine Konkurrenz) mussten sich daran gewöhnen, in einem an einer Kette hängenden oder auf einem Dreifuß stehenden Kessel auf offenem Feuer zu kochen. Das Klo war am anderen Ende des Hofes. Da man das Wasser aus der Zisterne nicht trinken konnte, gingen meine Großmutter und ich jeden Tag zum Brunnen von Bürgermeister Toulze in ca. einem km Entfernung, um sechs Flaschen mit Trinkwasser zu füllen. Ich liebte diesen täglichen Spaziergang, obwohl die Gänse, die mich fauchend bis zur Hauptstraße verfolgten, mich immer wieder in Angst und Schrecken versetzten.
In einem kleinen Dorf wie Fons war es natürlich unmöglich, unsere Anwesenheit bzw. unsere Identität geheim zu halten. Ich weiß nicht, wie die ersten Kontakte hergestellt wurden, doch so weit meine Erinnerungen zurückreichen waren wir unter den Bauern, die wahrscheinlich noch nie einen Österreicher oder einen Juden gesehen hatten, vollkommen integriert. Die Nachbarn in Piers waren, unmittelbar neben uns im Pächterhaus, Gennie und ihr Mann, der im Ersten Weltkrieg Kampfgas abbekommen hatte, den man Tag und Nacht husten hörte und der bald starb; die Familie Vazé, ich glaube elsässische Flüchtlinge, mit Pierrot, mit dem ich unter Aufsicht meiner Großmutter im Kastanienhain hinter dem Haus spielte; Madame Plonquet, eine Dame unter den Bauern; der Bürgermeister Toulze, der große Freund meines Vaters; ein bisschen weiter weg die Familie Roques mit Georgette, etwas älter als ich; in Fons selbst Monsieur und Madame Clary, ein Lehrerehepaar, das bald in Pension ging; Madame Dominois mit ihren beiden Söhnen Yanko und Pierrot und ihrer Nichte Ninon Monteil; der Bäcker Monsieur Lample; die Nonnen des Klosters der Heiligen Familie; die Schwestern Merle, die die Greißlerei betrieben, und ihre Nichte Anita, die die Ferien bei ihren Tanten verbrachte; Georges Colomb, dessen Vater Schlossverwalter war und der ein Stück des Heimwegs aus der Schule mit mir ging; in Pont-Aubard an der Nationalstraße von Figeac nach Brive unsere besten Freunde Marie-Louise Dournes mit ihren Eltern Laverne und ihrer Tochter Renée, deren Vater Zwangsarbeiter in Deutschland war; in Figeac meine Lehrerin Mademoiselle Lagrange, die jeden Tag mit dem Fahrrad nach Fons kam.
Meine Eltern, meine Großmutter und unser Freund Margulies, durch multiple Sklerose immer unbeweglicher, sprachen gut Französisch und hatten daher keinerlei Schwierigkeiten, sich mit der Bevölkerung zu verständigen. Mein Großvater war der älteste der Familie und der einzige, der nicht Französisch konnte. Die Ortsbewohner hatten diesen entwurzelten alten Mann besonders ins Herz geschlossen, manche teilten ihre karge Tabakration mit ihm, damit er sich eine Virginier wutzeln konnte. Beim Spaziergehen erzählte er mir von der Schiffsreise von Onkel Alfred mit seiner Nichte nach Amerika. Er wollte mich offensichtlich auf die Emigration in die USA vorbereiten, die für ihn und meine Großmutter eine Katastrophe gewesen wäre, da wir sie nicht hätten mitnehmen können.
Meine Eltern und ich hatten tatsächlich ein Affidavit, und wir verbrachten einige Tage in Marseille, wo wir uns wie so viele andere vor dem Konsulat der Vereinigten Staaten anstellten. Ich erinnere mich nur an einen Spaziergang am Strand von Cassis. Anscheinend haben wir keine Visa erhalten, jedenfalls sind wir in Frankreich geblieben, was aber auch mehrere andere Gründe hatte: Die USA hätten meine Großeltern sicher nicht einreisen lassen, und meine Eltern wollten nicht ohne sie fahren; mein Vater wäre auf der Durchreise durch Spanien wegen seiner Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg verhaftet worden; außerdem liebte er Frankreich und konnte nicht Englisch, und hatte daher nicht die geringste Lust, nach Amerika auszuwandern.
Als ich später meine Mutter fragte, wovon wir eigentlich lebten, antwortete sie, dass sie sich das selber fragte. Hatte sie noch Geld? Konnte Margulies, der aus einer wohlhabenden Familie stammte, helfen? Meine Mutter gab gelegentlich Kranken Injektionen; da viele Männer in Deutschland zwangsverpflichtet waren, half mein Vater bei der Feldarbeit. Wohnen war gratis, das Essen kam großteils von der Bauern. Meine Mutter strickte mit Wolle, die Madame Laverne gesponnen hatte. Mein Vater züchtete Kaninchen; als starker Raucher bebaute er einige Zeit ein illegales Tabakfeld.
Eine dringende Notwendigkeit war, dass ich rasch Französisch erlerne. Die Mädchen-Volkschule im Dorf war zweiklassig, die Kleinen von 3 bis 8 oder 10, die Großen bis zum Ende der Schulpflicht. Am ersten Schultag saß meine Mutter mit Mademoiselle Lagrange in deren Arbeitszimmer und beide beobachteten mich, wie ich allein in einer Ecke des Pausenhofes stand. Da rief Mademoiselle Lagrange Renée Dournes, die sie jeden Tag aus Pont-Aubard auf dem Gepäcksträger mitnahm, wenn sie mit dem Rad aus Figeac kam, und sagte ihr, sie solle mit dem Mäderl spielen, das kein Französisch sprach. Dann ging alles sehr schnell, und bald wurde ich eine gute Schülerin – nicht, weil ich gescheiter als die anderen Kinder war, sondern weil ich zuhause unter dem wachsamen Auge meiner Großmutter meine Aufgaben machte, anstatt Kühe zu hüten, was ich im übrigen sehr bedauerte. Um noch etwas beneidete ich meine Schulkolleginnen: ich trug Lederschuhe, sie aber Holzschuhe, mit denen man, wenn man sie verkehrt herum anzog, Spitzentanzen konnte. Eines Tages hatten meine Eltern irgendwo ein Stück Pepitastoff aufgetrieben und beauftragten den Dorfschneider, mir und Renée eine lange Hose daraus zu schneidern. Der Spott meiner Freundinnen, die noch nie ein Mädchen in Hosen gesehen hatten, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen, so dass ich es kategorisch ablehnte, dieses Kleidungsstück jemals wieder zu tragen.
Ich habe zahlreiche Erinnerungen an das Alltagsleben in Fons, von denen ich hier nur einen kleinen Teil wiedergeben kann: meine Mutter, die sportlicher als die meisten Bäuerinnen war, kletterte auf die höchsten Kirschbäume. Mein Vater schaufelte mit den Nachbarn eine dicke Schlammschicht aus der Zisterne, die sich in langen Jahren darin abgesetzt hatte. Die Abende, an denen sich die Nachbarschaft abwechselnd in den verschiedenen Bauernhöfen, auch bei uns, traf, um bei munterem Plaudern die Nüsse zu knacken, aus denen man in der Gegend Speiseöl machte. Am elften November, in Frankreich als Jahrestag der Waffenstillstands nach dem ersten Weltkrieg ein Feiertag, verstand ich nicht, warum nicht ich, die ich doch die beste Schülerin war, das Gedicht an die Kriegsgefallenen aufsagen durfte. Das Schweineschlachten – jedes Mal entkam das bedauernswerte Tier, es rannte laut quietschend durch den Hof, bis es endlich eingefangen und abgestochen wurde. Bis zum Alter von vier Jahren ließ mich das grausige Schauspiel kalt, als ich älter wurde, versteckte ich mich unter dem Speiszimmertisch und kam erst heraus, als das Schwein in zwei Hälften geteilt säuberlich an einer Leiter hing. Das Getreidedreschen mit der großen Dampf-Dreschmaschine im Hof. Das monatliche Brotbacken, das die Bauern seit Kriegsbeginn im gemauerten Backofen im Hof wieder selbst besorgten. Bevor der Backofen angeheizt wurde, bat mich Gennie, hineinzukriechen um nachzusehen, ob Hühner Eier gelegt hatten. Nachdem das Brot herausgeholt wurde, wurde die Restwärme zum Backen von köstlichen Waffeln genutzt. Einmal machten Pfadfinder bei uns Station, von denen wir französische Lieder wie „Malbrouck s’en va-t-en guerre“ oder „Auprès de ma blonde“ lernten, die mir heute noch viel geläufiger sind, als die österreichischen Lieder, die meine Wiener Freunde singen. Die „Stadtbesuche“ in Figeac. Der Weihnachtsbaum im Speisezimmer mit sehr bescheidenen, für mich wunderbaren Geschenken. Die Alten sprachen „patois“ – zu mir sagten sie „Pécaire“ – arme Kleine, was eher Ausdruck von Zärtlichkeit als von Mitleid war.
Einige markante Ereignisse: Eines Tages meinte mein Vater, es wäre ratsam, falsche Papiere zu haben. Da sein Freund Bürgermeister Gaston Toulze nicht recht wusste, wie man das anstellt, übergab er meinem Vater die Schlüssel des Gemeindeamtes und erklärte ihm, in welcher Schublade er welche Formulare und Stempel finden würde. In der nächsten Nacht ging mein Vater ins Gemeindeamt und stellte für die ganze Familie falsche Papiere her.
Auf meinem Wiener Geburtsschein stand „konfessionslos“, also weder mosaisch, wie meine Mutter, noch katholisch, wie mein Vater (oder besser gesagt ex-katholisch, denn um meine Mutter heiraten zu können, war er aus der Kirche ausgetreten, da im Ständestaat standesamtliche Heiraten zwischen Brautleuten verschiedener Religionsangehörigkeit nicht möglich waren). Meine Eltern beschlossen, mich taufen zu lassen, zum großen Kummer meines Großvaters. Sie wollten, für den Fall, dass ihnen etwas zustoßen sollte und Freunde aus Fons mich aufnehmen würden, dass ich zumindest die gleiche Religion wie sie hätte. Ich erinnere mich daher an meine Taufe im Alter von vier Jahren in der romanischen Kirche von Fons. Erwin Margulies wurde am selben Tag getauft und wurde gleich mein Taufpate. Zwei Jahre später machte ich meine Erstkommunion mit den anderen Dorfkindern. Der gute Pfarrer Bergougnoux hatte meine Eltern sicher durchschaut – er wäre sehr erstaunt, zu erfahren, dass ich praktizierende Katholikin geblieben bin.
Mein Großvater wurde 1942 krank und starb bald darauf zu Hause, wahrscheinlich an Krebs. Mein Vater musste seine Leiche aus dem ersten Stock heruntertragen und erschrak, als die Hand des Toten auf seine Schulter fiel. Madame Plonquet, die einige Minuten von uns entfernt wohnte, „schenkte“ uns ihr Grab, da sie die Absicht hatte, sich in dem Ort begraben zu lassen, in dem ihrer Kinder lebten. Ich wurde zum Begräbnis nicht mitgenommen, ich weiß aber, dass das ganze Dorf meinen Großvater zu seinem mitten im katholischen Friedhof gelegenen Grab begleitet hat.
Zwischen 1942 und 44 sah man in Fons keine Deutschen. Sie waren wohl in Figeac, doch wurde ein kleines entlegenes Dorf, wie das unsere, nicht belästigt. Der Bauernhof unserer Freunde Dournes in Pont-Aubard lag hingegen an der Nationalstraße von Figeac nach Brive. So blieben manchmal Deutsche bei ihnen stehen und verlangten von Madame Laverne einer Eierspeis aus zwei Dutzend Eiern – so waren sie sicher, nicht vergiftet zu werden. Eines Tages, als gerade welche da waren, saß die fünfjährige Renée am Fenster und sah meinen Vater den Fußweg aus Piers herunterkommen. Unbemerkt schlich sie aus dem Haus, lief ihm entgegen und sagte ihm: „Die Deutschen sind da!“ Mein Vater machte kehrt und verschwand in einem Hohlweg. Ein anderes Mal sagte der deutsche Offizier zu Marie-Louise Dournes, er hätte Schreibarbeiten zu erledigen und fragte sie, ob sie einen Schreibtisch hätte. Sie hatte einen im Speisezimmer, das wie bei den meisten Bauern unbenützt blieb, da diese die meiste Zeit in der Küche verbrachten. Im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie in einer Schublade des Schreibtisches einen Brief hatte, den mein Vater sie gebeten hatte, der Résistance zu übergeben (er hatte eine zeitlang für den Widerstand die Gebrauchsanweisungen für die abgeworfenen Waffen aus dem Englischen ins Französische übersetzt, scheint aber durch jemanden verleumdet worden zu sein, so dass die Résistance nunmehr zu ihm Abstand hielt). In dem Brief schrieb er, dass er verstehe, dass man sich vor ihm als nichtjüdischem Ex-Österreicher in Acht nahm, doch verwies er darauf, dass seine Frau Ärztin war, die im Fall von Verletzungen Hilfe leisten könnte. Nun, Marie-Louise fiel dieser Brief ein, es gelang ihr, ihn unbemerkt an sich zu nehmen und in den brennenden Ofen zu werfen.
In den ersten Tagen des Juni 1944 blieben Deutsche wieder einmal stehen, um sich eine Eierspeis zubereiten zu lassen. Marie-Louise frage den Offizier: - „Wissen Sie, wo sie hinfahren und warum?“ - „Wir fahren nach Nordwesten.“ – „Ich weiß, wo sie hinfahren, in die Normandie, die Alliierten sind gelandet.“ Der Offizier glaubte ihr nicht. Da drehte sie das Radio auf. Die Deutschen ließen die Eierspeis stehen und fuhren ab.
Eines Morgens erfuhr man, die Deutschen hätten das Dorf Fourmagnac in Brand gesetzt, als Repressalie für einen Angriff des Maquis. Einige Nachbarn versammelten sich vor dem Haus von Madame Plonquet, von wo man das Feuer sehen konnte, mein Vater stellte sich dazu. Als sie so dastanden und schauten, blieb ein Auto mit Deutschen stehen. Da mein Vater fürchtete, einer der Soldaten könnte Französisch verstehen und seinen österreichischen Akzent bemerken, sprach er sie in Deutsch an und behauptete, er hätte in Wien an der Welthandel studiert (was ja übrigens stimmte). Sie fragten ihn, ob er gesehen hätte, wo die Leuchtrakete aufgegangen war, die einige Augenblicke zuvor am Horizont aufgetaucht war. „Tut mir leid, ich bin kurzsichtig und habe meine Brille nicht da, ich kann’s Ihnen nicht sagen.“ Plötzlich sprang der alte Monsieur Bezombes, ein mit Madame Plonquet befreundeter Kaufmann aus Figeac, der dem Maquis Lastwagen geborgt hatte, in Panik aus einem ebenerdigen Fenster. Ein Deutscher legte auf ihn an, doch mein Vater machte ihm ein Zeichen, der Mann sei nicht ganz bei Verstand. Monsieur Bezombes konnte entkommen. Da es mein Vater weiterhin ablehnte, den Deutschen bezüglich der Leuchtrakete Auskunft zu geben, beschlossen sie, ihn mitzunehmen. Er sagte ihnen: - „Es nieselt, lassen Sie mich bitte mein Sakko holen.“ – „Gut, wenn Sie in einer Viertelstunde nicht zurück sind, setzen wir Fons in Brand.“ Mein Vater kam nach Hause, beauftragte meine Mutter, die falschen Papiere zur Sicherheit in einem der Steinmäuerln zu verstecken, die die Felder säumten, und verabschiedete sich von uns. Meine Großmutter sagte mir: „Wenn Du sehr brav bist, wird der Papa am Abend nach Hause kommen.“ Meine Mutter war wütend: „Erzähl’ doch dem Kind nicht solchen Unsinn, Du weißt sehr wohl, dass wir, wenn wir sehr viel Glück haben, ihn erst nach Kriegsende wiedersehen, aber dass er wahrscheinlich gar nicht mehr zurückkommt.“ Ich hielt mich lieber an meine Großmutter und war den ganzen Tag noch braver als sonst. Wir gingen zu einer Wiese, von der man die Straße überblickte und sahen den Wagen, auf dem mein Vater saß, eine Maschinenpistole war auf ihn gerichtet. Ich war also den ganzen Tag brav und am Abend, ich lag schon im Bett, ging die Tür auf und mein Vater kam herein. Ich wusste ja, dass er zurückkommen würde.
Was war passiert? Die Deutschen hatten meinen Vater den ganzen Tag mit sich herumgeführt und ihm immer wieder die Frage nach der Leuchtrakete gestellt, die er nicht beantworten konnte oder wollte. Als ihre Geduld erschöpft war, stellten sie ihn in einen Straßengraben und fragten ihn, ob er einen letzten Wunsch habe, bevor sie ihn erschießen. Er bat darum, eine letzte Zigarette rauchen zu dürfen. Da kommt ein Offizier auf einem Motorrad und fragt, was hier vorgehe. Man erzählt ihm die Geschichte der Leuchtrakete. „Um wie viel Uhr, in welcher Richtung? Das waren wir.“ Mein Vater wird in eine Scheune mit den Bewohnern von Camburat gesperrt. Er fungiert als Dolmetscher. Ein Soldat geht auf und ab, sein Gewehr rutscht ihm von der Schulter und fällt meinem Vater auf die große Zehe, worauf diesem ein Wiener Fluch entschlüpft: „Du bist aber kein Franzose. Ich verrate Dich aber nicht.“ Mein Vater hört, wie die Deutschen unter sich beraten: „Was machen wir, setzen wir Camburat in Brand, und die Scheune gleich mit?“ Schließlich kommt ein Offizier und befiehlt, die Gefangenen nach und nach freizulassen. - „Dieser hat uns als Dolmetscher geholfen, man kann ihn gehen lassen.“ – „Nicht ohne meinen Nachbarn Monsieur Truel.“ Und so gehen sie zu zweit heimwärts. Als sie bei den Dournes vorbeikommen, geht mein Vater hinein: „Herr Laverne, sie haben mir erzählt, dass Sie im Keller eine besondere Flasche Wein für einen besonderen Anlass haben. Jetzt ist dieser Anlass.“ So geschah es, dass während wir zu Hause ängstlich warteten, mein Vater sich mit zwei Freunden an einem guten Tropfen erfreute.
Bald danach saß die Familie stundenlang aufgeregt vor dem Radio. Da sich niemand vom Apparat entfernen wollten, wurde ich gerufen und es wurde mir aufgetragen, zu unseren Nachbarn Réveillac zu laufen und ihnen zu sagen: „Die Alliierten sind gelandet.“ Auf dem ca. fünf Minuten langen Weg sagte ich mir immer wieder den mir unverständlichen Satz vor, um ihn ja nicht zu vergessen, und konnte ihn daher im Originalwortlaut unseren Freunden, die offensichtlich kein Radio besaßen, wiedergeben. Ich wunderte mich, als sie mir weinend um den Hals fielen.
Befreiung?
Es dauerte nicht mehr lange, bis unsere Gegend befreit wurde. Vier Jahre hindurch wurden wir nicht an die Deutschen verraten, aber kurz nach der Befreiung wurde mein Vater absurder Weise bei der Résistance angezeigt (von wem? Bis heute ein großes Geheimnis). Als Mitglied der Deutschen Fünften Kolonne!. Er und der bereits schwerkranke Margulies wurden im Gefängnis von Pont l’Evêque in Cahors interniert. Mein Vater schrieb verzweifelte Briefe an meine Mutter, an die Familie Lagrange, an Freunde. Misshandlungen, Hunger, aber vor allem Mangel an TABAK. Meine Mutter geht täglich die zwölf Kilometer zu Fuß nach Figeac, um bei Behörden zu intervenieren, sie bittet und bettelt, bekommt Wutanfälle; Freunde sagen zugunsten von Monsieur Hartl aus. Schließlich siegt die Vernunft und die beiden Männer kommen, in einem bejammernswerten Zustand, nach Hause.
Sobald die Reise möglich ist, fahren meine Eltern und Margulies nach Paris, bewaffnet mit einem Schinken, den ihnen Freunde mitgegeben haben und den sie mit der Zeit ohne Brot essen müssen. Margulies trifft wieder mit seiner Familie zusammen, meine Eltern suchen Arbeit. Ich werde mit meiner Großmutter im Kloster von Fons untergebracht. Die Mutter von Lisl Schilder hat dort den Krieg verbracht, so wie auch die Großmutter von Margot Thieux (die selbst im Kloster von Madame Bergon in Assier versteckt war) und die Großmutter von Françoise Léon (die selbst im Collège Jeanne d’Arc in Figeac Unterschlupf gefunden hatte) – ich habe die zwei Enkelinnen Jahrzehnte später kennen gelernt. Ich schreibe meinen Eltern: „Wir waren bei dem und jenem zu Besuch. Wir haben gegessen...“ Nuschi Plank, eine Freundin meiner Mutter, Lehrerin in den USA, schickt mir ein Paket mit Spenden ihrer Schülerinnen: „Ein kleines Mädchen, das den Krieg in Europa verbracht hat und das sehr arm in einem kleinen Dorf lebt.“ Niemals vorher und niemals nachher habe ich Kandiszucker gegessen. Meine Tante Emmy, die seit 1940 ohne Nachricht war, besucht uns aus England. Ich schreibe meinem Hartl-Großvater auf Französisch: „Ich freue mich, einen anderen Großvater zu haben, denn der hiesige ist gestorben.“ Weihnachten 1944 begleitet mich Mademoiselle Lagrange nach Paris, um die Feiertage mit meinen Eltern zu verbringen. Wir überqueren die Loire auf einer Notbrücke, die man vom Wagonfenster aus gar nicht sieht, so dass man meint, über dem Wasser zu schweben. Im Bon Hôtel rue Vanneau fasziniert mich der Aufzug, ich fahre stundenlang auf und ab.
Meine Eltern sind bei der Siegesfeier am 8. Mai 1945 in Paris dabei. Inmitten des Jubels, während die Menschen auf den Autobusdächern tanzen, sind sie von Trauer erfüllt: Die Gerüchte, die meine Mutter nie glauben wollte – die KZs, die Gaskammern („Ein Volk von Dichtern und Denkern...!“) – haben sich auf grausame Weise als richtig erwiesen. Die große allgemeine Katastrophe, die Familien-Katastrophe. Und meine Eltern ahnen, dass etwas aufkommt, was bald Kalter Krieg heißen wird.
Nach der Moskauer Erklärung von 1943, die von Österreich einen Beitrag zu seiner Befreiung, sprich einen organisierten Widerstand, verlangte, hatte mein Vater einen brief an den Schriftsteller François Mauriac geschrieben, der ihm versprochen hatte (ich weiß nicht, bei welcher Gelegenheit, eine Visitenkarte mit einer Einladung, ihn in seiner Pariser Wohnung zu besuchen, stammt wohl aus der Zeit nach der Befreiung), in dem er ihn bat, seinen Einfluss dahingehend geltend zu machen, dass von einem Volk, das in einem Land, das die Deutschen zu ihrem Rückzugsgebiet machen wollen (Alpenfestung), zur Geisel geworden ist, nichts Unmögliches verlangt werde. Nach wie vor ein österreichischer Patriot, verzichtete er auf seinen Plan (hatte er ihn je ernst gemeint?), in Paris ein österreichisches Restaurant aufzumachen, und suchte stattdessen sofort nach Kriegsende Kontakt mit der österreichischen Vertretung in Paris. Er wurde zum Kriegsgefangenenkommissar für österreichische Kriegsgefangene in Frankreich ernannt. Meine Mutter suchte Arbeit als Ärztin oder als irgendetwas anderes. Französische Freunde schärften ihr ein, ja nicht zu sagen, dass sie Jüdin sei. Jüdische Überlebende, die z. B. ihre Geschäfte wieder in Besitz nehmen wollten, sollen mit offensichtlicher Feindseligkeit empfangen worden sein. Sie fand letztendlich eine Stelle als Anstaltspflegerin in einem Heim für überlebende jüdische Kinder, zum Großteil Waisenkinder, in Jouy-en-Josas bei Versailles. Die beiden Häuser, Les Glycines für die Kleinen, Les Eglantines für die Großen, wurden von der israelitischen Pfadfinderbewegung betreut. Ich verbrachte zwei Jahre, 1946-47, mit diesen Kindern – in ihnen und den Kriegsgefangenen, um deren Repatriierung sich mein Vater bemühte, habe ich zwei Gruppen von Opfern des eben zu Ende gegangenen Krieges kennen gelernt. Dort erfuhr ich, dass meine Mutter Jüdin war. Ein Brief meines Vater an Général de Gaulle: Er beglückwünscht Frankreich dazu, dass es das erste alliierte Land ist, das Kriegsgefangene freilässt, obwohl es im Gegensatz zu Großbritannien und den Vereinigten Staaten die Schrecken der Besatzung gekannt hat, und bittet den General, noch einmal die Großherzigkeit, die sein Land auszeichnet, unter Beweis zu stellen, indem er entsprechend einem Berliner (?) Beschluss jene SS-ler freigibt, die sich keiner Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben, und erinnert daran, dass in den letzten Kriegsjahren viele unschuldige junge Männer in diese berüchtigte Truppe zwangsrekrutiert wurden.
Sobald meine Eltern im Haus neben den „Glycines“ eingezogen waren, holten sie mich und meine Großmutter – noch verstand ich nicht, was es heißt, vom Ort seiner Kindheit Abschied zu nehmen. Ein weiterer, noch viel schmerzhafterer Abschied, stand unmittelbar bevor: Emmy will ihre Mutter jetzt bei sich haben, sie wird nunmehr in London leben, umso mehr, als das Diplomatenleben, das meinen Vater und seine Familie erwartet, für eine über 70-jährige Frau ungeeignet ist. Die Familie kratzt das nötige Geld zusammen, um meiner Großmutter eine Karte im Pullmann-Wagen des Golden Arrow zu spendieren. Sie weiß, dass sie ihre ältere Tochter, mehrere Nichten und ihren Schwager, der zugleich ihr Cousin ist, in England antreffen wird. Sie glaubt, auch, die einzige Überlebende ihrer fünf Schwestern, Ruja, wiederzusehen. Man hat es nicht gewagt, ihr zu sagen, dass diese in der Tschechoslowakei wenige Monate nach ihrer Entlassung aus Theresienstadt an Brustkrebs gestorben ist. Ich weiß, dass wir alle meine Großmutter anschwindeln.
Nachwort 1:
Was geschah mit unserer Familie in den letzten 60 Jahren?
Margulies ist 1946 oder 47 gestorben.
Meine Großmutter verbrachte den Rest ihres Lebens bei ihrer Tochter Emmy, die nie geheiratet hat und sich rührend um ihre Mutter gekümmert hat, die durch ihre sehr schmerzliche Koxarthrose immer unbeweglicher wurde. Die „Tante Hedwig“ war der Mittelpunkt der nach England geflüchteten Familie, vielgeliebt von ihren mutterlosen Nichten. Wohin auch immer uns unser diplomatisches Zigeunerleben verschlagen hat, jeden Sommer verbrachten wir einige Wochen in England. Meine Großmutter starb 1961 88-jährig, einige Monate nach der Geburt unserer ältesten Tochter Andrea („als einzige von allen meinen Schwestern bin ich Urgroßmutter geworden!“).
Sobald er alle oder fast alle seine Kriegsgefangenen nach Hause geschickt hatte (er war ihnen bis in die Sahara nachgefahren), trat mein Vater in den österreichischen diplomatischen Dienst ein. Sein erster Posten war Rom. Nach einigen Monaten in Wien, sozusagen um den Beruf zu erlernen – mein erster Kontakt mit meinem Geburtsland und mit der väterlichen Familie –, wurde er im Jänner 1950 als erster (noch nicht diplomatischer, bloß konsularischer) Vertreter Österreichs nach Israel entsandt. Man sagte, er sei die ideale Besetzung: Er war Flüchtling gewesen, hatte nie an den Nazismus auch nur angestreift und hatte keine Wehrmacht-Uniform getragen, war aber kein Jude, was vielleicht Identifikations-Probleme hätte aufwerfen können. Die jüdische (übrigens nicht zionistischen) Ehefrau war hingegen eher von Vorteil. Von 1955 bis 1958 war er Kabinettschef von Staatssekretär Bruno Kreisky (den er aus der Mittelschulzeit kannte). Von 1958 bis 1963 Botschafter in Ankara, von 1963 bis 1968 in Belgrad. Die letzten Jahre vor seiner Pension leitete er die Kulturabteilung des Außenamtes in Wien und konnte sich seiner Lieblingsbeschäftigung widmen: als hochgebildeter Intellektueller, zwanghafter Leser, Gelegenheitsdichter (in Deutsch und Französisch), brillanter Gesprächspartner, hatte er auf seinen verschiedenen Posten Kontakte mit prominenten oder auch unbekannten Kulturschaffenden. Jetzt war das sein Beruf. Er ging 1974 in Pension und starb fünf Jahre später, kurz vor seinem 70. Geburtstag. Eine Zigarette hatte ihm einst das Leben gerettet, Millionen andere brachten ihn letzten Endes um.
Meine Mutter wäre natürlich gerne in ihren Beruf als Ärztin zurückgekehrt, der für sie Berufung gewesen war, entweder in Frankreich, oder in Österreich, aber der neue Diplomaten-Beruf meines Vaters stellte sie vor die Wahl, sich entweder von ihm oder von der Medizin zu trennen. Sie entschied sich für ihn und folgte ihm auf alle seine Posten. Sie wurde keine klassische Botschafterin. Weder elegant, noch eine tolle Hausfrau, war sie ihm aber eine wertvolle Unterstützung als Gefährtin, die seine politischen und kulturellen Interessen teilte und die ihm Informationen lieferte, die man eher der Frau Doktor als dem Herrn Botschafter anvertraute. In Israel fand die Verwandte, Kollegen – und Kinder aus Jouy. Zurück in Wien nahm sie Kontakt mit Freunden aus der Vorkriegszeit auf – einige waren aus der Emigration zurückgekommen, andere, Nichtjuden, hatten den Krieg in Wien verbracht, Ella Lingens, die „Arierin“, die nach Birkenau deportiert wurde, weil sie Juden zur Flucht verholfen hatte. Meine Mutter hat es abgelehnt, vom Staat eine Wiedergutmachung zu verlangen: Da sie vor dem Krieg nichts besessen hatte, hatte sie nichts verloren, und sie betrachtete sich nicht als Opfer des heutigen Österreich, eher als Gewinnlerin aufgrund der unerwarteten Karriere meines Vaters. Sie wurde mit 70 Witwe, war zuerst sehr tapfer und aktiv, verfiel aber leider in ihren letzten Lebensjahren bis zu ihrem Tod 1997 im Alter von fast 89 Jahren trotz meiner täglichen Besuche immer mehr in Passivität und Isolation.
Zuerst als Flüchtlings- und dann als Diplomatenkind musste ich mich an häufige Trennungen und Abschiede gewöhnen: Fons, Jouy, Rom, Wien, Tel Aviv-Haifa, Wien. Nach fünf Jahren in einem französisch-englischen katholischen Internat in Haifa, wo die meisten meiner Kolleginnen Araberinnen waren, bestand ich eher unerwartet meine französische Matura in Beirut. Zurück in Wien hatte ich vorerst große Eingewöhnungs-Schwierigkeiten. Ich studierte am Wiener Dometschinstitut. Franz Weich und ich lernten uns ebenso wie eine Generation zuvor meine Eltern bei den Sozialistischen Studenten kennen. 1960 schloss ich mein Studium ab und wir heirateten. Wir bekamen drei Töchter, ich arbeite seit nunmehr 48 Jahren als Fachübersetzerin und Konferenzdolmetscherin. Das hat mir zweimal Gelegenheit gegeben, Frankreich meine Dankbarkeit, zwar indirekt, dafür aber auf höchstem Niveau auszusprechen: In den 70er-Jahren habe ich schriftlich die Reden übersetzt, die Bundespräsident Franz Jonas bei seinem Staatsbesuch in Frankreich gehalten hat. Wenn ein ausländischer Staatschef Frankreich einen Besuch abstattet steht nicht nur Paris, sondern auch noch eine andere Stadt auf dem Programm. Für Franz Jonas hatte man Toulouse gewählt. Dort dankte er in einer Rede, die ich übersetzt hatte, der Region für die Rettung der österreichischen Flüchtlinge während des Krieges. 1984 begleitete ich Bundespräsident Rudolf Kirchschläger – ehemaliger Diplomat, daher Kollege und Freund meines Vaters – als Dolmetscherin nach Frankreich. Beim offiziellen Dîner im Palais Matignon baten mich meine französischen Kolleginnen, die Tischreden zu dolmetschen. Dr. Kirchschläger wandte sich an Ministerpräsident Fabius, um Frankreich für die Hilfe zu danken, die es den österreichischen Flüchtlingen gewährt hatte. Ich weiß nicht, ob jemand in der illustren Gesellschaft den Knödel in meinem Hals bemerkt hat.
Unsere Kontakte mit Fons: Ich habe Fons 1947 mit meinen Eltern, 1957 allein, und 1985 („silberne Hochzeitsreise“) und 2004 mit meinem Mann besucht. 1985 hat mir Marie-Louise Dournes viele Einzelheiten über unsere Zeit in Fons erzählt, und ich habe Mademoiselle Lagrange, verehelichte Verbié, wiedergesehen. Renée Dournes’ Ex-Mann behauptete fälschlich (oder auch nicht?), mein Vater hätte bei seiner Verhaftung durch die Deutschen den Einwohnern von Camburat das Leben gerettet. 2004 waren Marie-Louise Dournes und ihr Mann, Madame Verbié und ihr Mann, sogar der ältere Sohn von Renée nicht mehr da. Die Tochter von Madame Verbié, die ihre Mutter nach meiner Mutter Françoise genannt hatte, kam aus Servans um mich zu treffen. Bei einem Überraschungstreffen mit den Fonser Senioren habe ich etliche meiner Kindheitsfreunde wiedergesehen und konnte zum ersten Mal halbwegs offiziell in Anwesenheit des nunmehrigen Bürgermeisters, der ca. mein Jahrgang ist, Fons und seiner Bevölkerung für das danken, was sie für meine Familie getan hatten. Ich habe endlich den Wunsch erfüllt, den mein Vater bereits 1957 ausgesprochen hatte: 62 Jahre nach seinem Tod habe ich für meinen Großvater ein Grabplatte legen lassen, die die Inschrift trägt: „Friedrich Grünhut, 1863-1942, gestorben im Exil, aber bei Freunden.“