|
|
Mein Schatten, der gar nicht meiner istVon Dr. Ehud Loeb, Jerusalem (früher Herbert Odenheimer, Bühl)
Sie haben mir alles genommen
Sie drückte mich fest an sich. Wusste sie, was uns erwartete? Mein Vater hat einen Apfel in zwei Hälften geschnitten und diese Hälften nochmals in je zwei , und jeder von uns aß davon ein Viertel: meine Mutter, Großmutter Sophie, mein Vater und ich. Bevor er mir mein Stückchen gab, sagte er zu mir: "Iss auch die Apfelkerne - sie sind gut und nahrhaft, und sie gehören zum Apfel dazu. Auch so ein kleiner Apfelkern hat seinen Wert". Ich erinnere mich an jedes seiner Worte. Danach hat mich meine Mutter auf ihre Knie genommen und sprach zu mir feierlich, ernst und mit nachdrücklichen Worten: "du sollst wissen, du wirst niemals alleine sein. Du wirst immer einen Schatten haben, einen ganz persönlichen Schatten. Jeder Mensch hat einen Schatten. Er wird dich nie verlassen".
Sie haben mir alles genommen: meine Eltern, meine Familie, meine Kindheit und meine Hoffnung. In einen Kindergarten bin ich niemals gegangen, und ich musste bis zum zwölften Lebensjahr warten, bis ich in die Schule kam. Damals hatte ich die Worte meiner Eltern nicht verstanden, die Worte, die sie im Oktober 1940 zu mir sprachen. Meinen Vater habe ich nie mehr wiedergesehen. Meine Mutter habe ich an jenem Frühlingstag 1941 zum letzten Mal gesehen, als ich aus dem Lager herausgenommen und in ein Versteck gebracht wurde - ich war nun auch von meiner Mutter getrennt. Bis zum heutigen Tag erinnern mich meine Zehnägel an die Worte meiner Mutter. Bis zum heutigen Tag verbindet der Mond meine Augen mit denen meiner Eltern und erinnert mich an sie. Bis zum heutigen Tag esse ich den Apfel als Ganzes mitsamt den Kernen. Nur mein Schatten war nicht immer an meiner Seite. Er verschwand, als der Himmel aus Blei war. Er war nachts nicht mit mir. Ich war schrecklich allein, so viele Jahre hindurch, und gerade, als ich ihn suchte, verließ er mich in diesen tränenschweren Nächten, in diesen unendlichen Stunden der Trostlosigkeit, in diesen dunklen Stunden der Bedrohung in den dichten Wäldern, wo wir uns versteckten. Es gab Tage, an denen ich mich fragte, ob dies mein Schatten ist. Ja, ich fragte mich sogar, ob ich tot bin oder noch lebe. Und was war eigentlich meine wahre Identität? Falsche Namen, ein Leben im Versteck, ein Junge, der während Stunden oder Tagen als Messdiener dem Priester in der Kirche beistand, als er die Messe las? Sobald mein Schatten wieder erschien, blieb er bei mir und erinnerte mich daran, dass er alles war, was mir auf der Welt geblieben war. Die warme, zärtliche und beschützende Umarmung meiner Mutter, die feste Hand meines Vaters, die meine kleine Hand streichelte, die Geschichten, die mir die Großmutter so oft erzählte, die Schmeicheleien von Tante Erna, die wie meine Mutter goldene Haare hatte - alles das hatte ich auf immer verloren. Es wurde mir bewusst, dass ich meinen Schatten nur leihweise besaß. Er gehörte mir zwar, aber manchmal verflüchtigte er sich. Er ging mit mir - aber manchmal verschwand er. Er kam nur zurück, um wieder aufs Neue zu verschwinden. Das Versprechen meiner Mutter hatte Bestand, aber nur zum Teil: ich habe einen Schatten, aber manchmal verlässt er mich. In diesen Jahren des Krieges wurde ich sieben, dann acht, neun, zehn, elf Jahre alt, und ich war ohne einen Schatten, auf den ich mich verlassen konnte. Dann wurde ich zwölf Jahre alt, und inzwischen ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Es hat mir viel gegeben: ich hatte eine Adoptiv - Familie, ich habe studiert, eine liebenswerte Frau geheiratet, und wir haben vier wunderbare Kinder, die inzwischen ihrerseits Kinder haben. Ich habe ein Haus, einen Beruf, gute Freunde. Wenn ich meine Fußnägel schneide, dann tue ich das sehr langsam, mit großer Vorsicht, mit Bedacht und voller Entspannung. Und wenn ich sinnend den Mond betrachte, dann versuche ich das Unmögliche: Die Beziehung zu meinen Eltern zu erneuern, die doch schon so lange tot sind. Und den Apfel esse ich immer mit allen Kernen, dann kehrt jedes gesprochene Wort meines Vaters in meine Erinnerung zurück. Als meine Kinder klein waren, habe ich ihnen erzählt, dass jeder von uns einen Schatten hat, und ich habe es meinen Enkelkindern wiederholt. Einfach so, ohne Erklärung. Mit Liebe und Freude beobachtete ihre weit aufgerissenen unschuldigen Augen. Sie konnten nicht verstehen. Und wenn ich die Apfelkerne mitass, beobachteten sie das mit einer gewissen neugierigen Freude. Und sie kuschelten sich an mich, wenn ich den Mond beobachtete, ohne sich zu fragen, was ich wohl suche. Keines von ihnen weiß, dass ich fortfahre, mit meinem Schatten einen stillen aber heftigen Kampf zu führen. Eigentlich hätte er immer bei mir bleiben sollen, besonders in der damaligen Zeit. Meine Mutter hatte es mir versprochen. Und niemand weiß, dass an meinem letzten Tag auf Erden auch mein Schatten endgültig von mir genommen wird zusammen mit allen meinen bitteren und meinen schönen Erinnerungen. Wer wird wissen, wie die Fußnägel des Großvaters meiner Kinder aussahen? Wer wird die Wichtigkeit und Bedeutung von Apfelkernen kennen? Wer wird wissen, dass der Mond eine solch wichtige Rolle im Leben dieses seltsamen Menschen, der er war, gespielt hat? Und niemand wird sich seines Schattens erinnern. |
|

