Übertragung des Berichts über einen Besuch im Sammellager für deutsche und ehemalige österreichische Staatsangehörige in Montargis (Département Loiret)
Mit der mündlichen Erlaubnis von General Menars, Generalinspektor der Sammellager, an Frau Louise WEISS, Generalsekretärin des Zentralrats der Flüchtlinge, haben wir uns im Hauptquartier von General MICHELIN, Kommandant des fünften Wehrbereichs in Orléans, eingestellt. Nach Vorlage unserer Beglaubigungsschreiben haben wir vom Kommandanten des militärischen Geheimdienstes des fünften Wehrbereichs eine Besuchserlaubnis bekommen. Am selben Tag haben wir uns beim Bataillonskommandanten VIET, Leiter des Sammellagers von Montargis eingestellt und haben ihm unseren Wunsch erklärt, der Verwaltung dieses Lagers zu helfen, indem wir ihr Kleidung, Schuhe und Decken für die Internierten in dem von ihm selbst angegebenen Ausmaß liefern würden. Kommandant Viet und seine Offiziere haben sich den deutschen und ehemaligen österreichischen Staatsangehörigen, die sie zu bewachen haben, gegenüber sehr fürsorglich gezeigt. Wir haben feststellen können, dass die Ernährung dieser Männer gesund und ausgiebig war, ganz ähnlich derjenigen, die für die mit der Bewachung des Lagers betrauten Soldaten bestimmt war. Die Zivil-Internierten brauchen:
1° Decken Unter 457 Personen hatten nur 12 Männer keine Decke, weil sie der Mitteilung nicht nachgekommen waren, sich bei ihrer Einberufung welche zu beschaffen. Diese Decken wurden ausgeteilt. Zwanzig alte Männer würden eine zusätzliche Decke benötigen. Wir schlagen vor, 25 Decken dem Lagerkommandanten zur freien Verfügung zu schicken. 2° Schuhe Viele Internierte sind mit Stadtschuhen in schlechtem Zustand gekommen. Es ist notwendig, dass sie feste Schuhe bekommen. Der Lagerkommandant ist bereit, uns die benötigen Schuhgrößen sowie die Anzahl von Paaren pro Größe wissen zu lassen. Wir schlagen vor, 150 Paare zu schicken, sobald wir diese Informationen erhalten haben.
3° Kleidung Da die Einberufung Anfang September stattgefunden hat, sind die Internierten mit Sommerkleidung angekommen. Die meisten haben von ihrer Familie wärmere Kleidung bekommen. Es fehlen jedoch noch viele Mäntel und Regenmäntel, die für die Winterzeit absolut notwendig sind. Wie bieten an, 150 Mäntel, Kapuzenmäntel, Ölzeug und 460 Wollschals zu schicken.
4° Medikamente Der Militärsanitätsdienst hat alle nötigen Medikamente zur Verfügung gestellt. Damit er jedoch noch großzügiger sein kann, insbesondere für die alten, weniger gesunden Männer, bieten wir die Sendung von: • 20 Aspirinröhrchen • 4 Kilo Watte • 25 Mullauflagen • 25 Mullbinden • 5 breite elastische Binden • 1 Kilo von Natriumsulfat • 5 Koffeinampullen • 10 Schachteln Tierkohle
Uns ist es eine echte Freude, zu sehen, dass die zivilen Internierte mit einer ständigen Fürsorglichkeit und Menschlichkeit von den Militärbehörden behandelt werden. Diese Offiziere sind Garanten für die Tradition der Großzügigkeit, die Frankreich Unglücklichen gegenüber stets gezeigt hat.
Quelle :
CDJC- Mémorial de la Shoah : Sammlung Félix Chevrier, CCCLXXIII-5
Kommentar : Dieser Bericht ist im Gegensatz zu den anderen der Sammlung Chevrier anonym. Im Vergleich zu der Lage in den Lagern Südfrankreichs scheint sie in Montargis idyllisch zu sein. 457 Internierte, alte Menschen, kein Todesfall und kein Krankenhausaufenthalt gemeldet. Es ist angebracht, diesen Bericht, was die Objektivität bezüglich der Unterbringungsbedingungen und des Verhaltens der Militärs anbelangt, mit großer Vorsicht zu betrachten. Soma ( Salomon) Morgenstern
Der Schriftsteller entstammt einer jüdischen galizischen Familie und wurde 1890 geboren. Er studierte in Wien, das damalsmorgensternsoma, vor Paris und Berlin, als kulturelle Metropole galt. Er wurde Musikkritiker und stand in den Zwanziger-Jahren vielen Persönlichkeiten aus der Literatur- und Kunstszene wie Stefan Zweig, Robert Musil, Alban Berg oder Joseph Roth sehr nahe. Mit Letzterem hat er im übrigen 1938, nach dem Anschluss, das Pariser Exil geteilt. Er befand sich mit anderen österreichischen und deutschen Geächteten im Sammellager für Ausländer von Montargis, aus dem er 1941 flüchtete. Danach gelang es ihm, nach Amerika auszuwandern. Bis zu seinem Tod im Jahre 1976 lebte er in New York.