Quantcast Die Internierungslager des Loiret
fr - en - de

Die Lager des Loiret

Die Internierungslager des Loiret


© Cercil

Von 1941 bis 1943 wurden mehr als 18000 Juden (darunter fast 4000 Kinder) in den zwei Lagern von Pithiviers und Beaune-la-Rolande interniert.
Sie unterstanden der Verwaltung des Präfekts des Loiret und wurden von Franzosen bewacht. Acht Transporte sind aus diesen Lagern nach Auschwitz gegangen.
Die meisten Internierten kamen nie wieder aus diesen Lagern heraus. 2140 ausländische Juden wurden am 14. Mai 1941 in Paris infolge von Vorladungen festgenommen und im Lager von Beaune-la-Rolande interniert. Fast alle wurden im Juni und Juli 1942 nach Auschwitz deportiert. Außerdem wurden 3096 Menschen - fast ausschließlich Frauen und Kinder, die während der Razzia des Vel’ d’hiv’ im Juli 1942 festgenommen wurden – dorthin transferiert. Jedoch gab es für ihre Unterbringung keinerlei Vorkehrungen: Epidemien breiteten sich aus, Kinder starben. Die französische Verwaltung, die die Deutschen um Erlaubnis gebeten hatte, auch Kinder deportieren zu dürfen, entschloss sich, zuerst die Mütter und dann die Kinder abzutransportieren. Als sie in Auschwitz ankamen, wurden die Kinder sofort vergast.
Von September 1942 bis Juli 1943 (Schließung der Lager) wurden beim massiven Zustrom von Juden, die in ganz Frankreich festgenommen wurden, jene Internierten dorthin überführt, die in Drancy nicht mehr untergebracht werden konnten. Von den Lagern ist heute nichts mehr zu sehen. 1965 wurde ein Denkmal errichtet. Jedes Jahr organisieren Vereine am zweiten Sonntag im Mai einen Gedenktag. Außerdem wurde kürzlich eine Gedenktafel an den ehemaligen Bahnhof von Beaune-la-Rolande angebracht.

Das „ billet vert“

Im März 1941 setzte die deutsche Wehrmachtsführung die Regierung von Vichy unter Druck, damit sie das Gesetz vom 4. Oktober 1940 umsetzte, das die Internierung „der Ausländer jüdischer Herkunft“ betraf.
Am 13.Mai 1941 sandte die Präfektur von Paris 6500 Vorladungen (die so genannten „Billets verts“) aus, die sie aufgrund der Volkszählung erstellt hatte.
Am Tag danach um 7 Uhr melden sich mehr als 3700 Personen im Alter von 18 bis 60 Jahren, um „ihre Lage überprüfen zu lassen“.
Am 14. Mai (dem gleichen Tag) werden die festgenommenen Männer mit vier Sonderzügen vom Bahnhof Austerlitz bis in die Lager des Loiret (Beaune-la-Rolande und Pithiviers) transferiert. 2140 Juden werden im Lager von Beaune-la-Rolande und 1570 in dem von Pithiviers interniert. Weit entfernt von großen Städten (80 km von Paris und 50 km von Orléans), liegen diese zwei Lager 23 km auseinander. Sie werden von den französischen Behörden verwaltet.
Die Leitung wird vom Kommandanten mit Hilfe eines Verwalters gewährleistet.
Das Wachpersonal besteht aus Gendarmen, bewaffneten Zöllnern und Wärtern.

Das Leben in den Lagern


Die Wohnverhältnisse sind äußerst prekär: 100 bis 120 Männer in einer Baracke, Bettstellen mit Stroh, sehr rudimentäre Sanitäreinrichtungen.
Es finden mehrere Aufstände statt, vor allem am Anfang. Aber schnell werden sie niedergeschlagen. Im Mai 1941 werfen Ehefrauen der Internierten Pakete über den Stacheldrahtzaun, denn es ist ihnen verboten, ihre Ehemänner zu treffen. Infolge dieser Vorfälle muss die Verwaltung des Lagers Besuche und Briefwechsel, wenn auch streng reglementiert, gestatten. Im Juni 1941 organisieren ehemalige Soldaten, die auf ihre Befreiung warten, einen Aufstand in Pithiviers und wählen Vertreter. Diese werden später in Châteaubriand festgehalten.
Im Juli 1941 wird in Pithiviers die allgemeine Weigerung, auf den Bauernhöfen der Sologne zu arbeiten, mit einer Kollektivstrafe geahndet. Alle Kontakte nach Draußen werden abgeschafft. Die jüdischen Widerstands-Organisationen (Zionisten, Bundisten und Kommunisten) versuchen, den Kontakt mit ihren internierten Aktivisten aufrecht zu erhalten und lassen illegale Flugblätter und Zeitungen verteilen.

 

Ausbrüche

44248
Die Zahl der Ausbrüche wird auf 691 geschätzt. Die meisten fanden im Sommer 1941 statt. Unter Mithilfe einiger Wärter oder durch deren Bestechung war es möglich, der Bewachung der Zöllner oder der teilweise bewaffneten Gendarmen zu entgehen. Den Gefangenen, die draußen arbeiten, wird manchmal von der Bevölkerung geholfen. Auf Befehl der deutschen Verwaltung wird die Bewachung ab dem Herbst 1941 deutlich verstärkt und die Gefangenen arbeiten nicht mehr außerhalb der Lager.
Gegen Dezember 1941, als die jüdischen Widerstandorganisationen von den geplanten Deportationen Wind bekommen, senden sie ihren internierten Aktivisten Fluchtanweisungen. Dennoch flüchten viele Häftlingen nicht, denn sie fürchten Vergeltungsaktionen an ihren Familien. Einige denken auch, dass sie sich dank der Internierung in der Legalität bewegen und sie ihnen den Abtransport nach Drancy erspart. Ab Mai 1942 ist kein Ausbruch mehr verzeichnet.

 

Freilassungen und Freigänge

Einige Freigänge werden anfänglich erlaubt, so etwa wenn ein Verwandter krank ist. Ab Oktober 1941 werden sie abgeschafft.
Auch Freilassungen finden statt. Sie betreffen ehemalige Soldaten und Schwerkranke. Die Anzahl der Freilassungen aus gesundheitlichen Gründen wird im Vorhinein von der Verwaltung beschlossen. Über die Freilassungen wird von einer medizinischen Kommission aus französischen und deutschen Ärzten entschieden, die nachfolgend vom Polizeipräsidium von Paris genehmigt werden müssen. Ab dem 27. Juni 1942 werden sie immer seltener.

Die Arbeit

Die Internierten müssen verschiedene Arbeiten im Lager verrichten, und sie organisieren sich, um ihre jeweiligen Berufe ausüben zu können: Friseur, Schneider, Schuhmacher, Tischler, dies verbessert das Leben jedes Einzelnen. Manche von ihnen – aber nicht viele - arbeiten für kurze Zeit außerhalb des Lagers. 215 in der Zuckerfabrik von Pithiviers, andere auf Bauernhöfen. Viele machen es freiwillig, denn es ist eine Gelegenheit, in Kontakt mit der Familie zu kommen, und vielleicht sogar eine Chance zu fliehen. Aber die meisten der Internierten warten, der Untätigkeit ergeben.

 

Den Kontakt aufrechterhalten


Besuche, Pakete und Briefe sind anfangs verboten. Aber ab Juni 1941 lässt die Leitung durch den Druck der Familien liberalere Bedingungen zu, auch wenn sie zunächst noch sehr beschränkt bleiben. Jeder Gefangene darf einen Brief pro Woche schicken, der aber in Französisch geschrieben sein muss und der Zensur unterzogen wird. Briefe und Pakete werden vom Wachdienst kontrolliert, um Fluchtpläne zu verhindern. Eine der im Lager angewandten Strafen besteht darin, dem Internierten den Empfang von Briefen und Paketen zu verbieten. Diebstahl von Paketen ist üblich, und die Inhaftierten bekommen manchmal nur das Verpackungspapier und eine Schnur.
Anfänglich ist es den Familien erlaubt, die Internierten zu besuchen. Was aber im Juni 1941 durchgesetzt wurde, wird schnell wieder abgeschafft. Die Frauen wissen nicht, dass diejenigen, denen sie Kleidung und Lebensmittel bringen, bald Richtung Auschwitz deportiert werden. Sie wissen auch nicht, dass sie selbst und ihre Kinder ihnen bald in diese Lager folgen werden, bevor auch sie deportiert werden.

Nicht aufgeben


Um nicht zu verzweifeln, entwickeln die Internierten ein intensives kulturelles Leben: Theater, Konzerte, Vorträge, Zusammenkünfte, Zeitungen abschreiben... Die meisten sind ausländische Juden, die Jiddisch sprechen und von der jüdischen Tradition sehr geprägt sind. Viele finden in der Bestätigung dieser Identität Widerstandskraft. Dieses kulturelle Leben erlaubt es ihnen, das lange und beängstigende Warten auf ihre Befreiung durchzustehen. Es ist aber vor allem ein eindeutiger Ausdruck der Würde dieser Männer. Mit den ersten Deportationen im Jahre 1942 wird alle Hoffnung endgültig zerschlagen.
Die ersten Deportationen (vom 25. Juni bis 17. Juli 1942)
Am 20. Januar 1942 erarbeiten die Führer der NSDAP am Wannsee den Plan für die letzten Phasen des Programms zur systematischen Vernichtung. Die ersten „Abfahrten“ (in den administrativen Dokumenten für Deportationen benutztes Wort) finden am 8. Mai 1942 statt: 2889 Internierte werden nach Compiègne transferiert und dann nach Auschwitz deportiert (Transport Nummer 2).
An 11. Juni 1942 wird die « Endlösung » in Westeuropa bei einer Sitzung in des Judenreferats in Berlin in Gang gesetzt.
Die deutsche Verwaltung plant in Frankreich die Deportation von 100 000 Juden im Alter von 16 bis 40 Jahren für das Jahr 1942. Th. Dannecker, Eichmanns Vertreters in Frankreich, ist mit der Ausführung des Vernichtungsprogramms beauftragt. Zu diesem Zeitpunkt ist jedoch die Anzahl der Juden in den Lagern zu gering. Es geht also darum, schnellstmöglich weitere große Razzien zu organisieren, um die in Berlin beschlossenen Ziele zu erreichen. Die Deutschen verfügen nicht über genügend Polizeikräfte in Frankreich, um solche Festnahmen ohne die französische Polizei durchführen zu können. Die Verhandlungen mit der französischen Verwaltung betreffen nicht die Deportationen an sich, sondern die Mittel, die für die Durchführung eines derartiges Programms angewandt werden müssen.
Am 15. Juni 1942 schlägt Theodor Dannecker Berlin « zuerst einmal » die Deportation von 4000 Juden in drei Monaten ab Mitte Juli vor. Jede Woche soll es drei Transporte zu je 1000 Menschen geben.
Am 18. Juni bereitet Theodor Dannecker mit der SIPO-SD von Orléans und der Präfektur des Loiret die Deportation von 1000 in Pithiviers und Beaune-la-Rolande internierten Juden vor. Per Telegramm befiehlt er, die Transporte aus diesen zwei Lagern vorzubereiten und sie zu leeren, „um für neue Häftlinge Platz zu machen“. Von nun an nehmen diese zwei Lager einen wichtigen Platz im Prozess der „Endlösung“ in Frankreich ein. Sie werden von Internierungslagern zu Deportationslagern.

Das Lager von Jargeau 1941-1945

20 km von Orléans entfernt begann man 1939, das Lager von Jargeau zu bauen. In den siebzehn Baracken sollen Flüchtlingen aus der Region Paris untergebracht werden. Doch das Lager leert sich infolge der durch den deutschen Einmarsch ausgelösten Massenflucht nach dem Süden. Die Deutschen machen daraus das „Frontstalag 153“, in dem monatelang 900 französische Kriegsgefangene zusammengepfercht werden.
Am 26. Oktober 1940 befiehlt die in Orléans stationierte Feldkommandantur 549 der französischen Verwaltung, alle Nomaden des Loiret festzunehmen und deren Internierung zu organisieren. Jacques Morane, Präfekt der Region, entscheidet, das ehemalige „Frontstalag 153“ zu benutzen, und am 5. März 1941wird das Lager in Jargeau offiziell für Nomaden „eröffnet“. Die meisten Zigeuner des Loiret und der angrenzenden Departements werden von der französischen Gendarmerie festgenommen. Andere sind Opfer von Denunziation. Anfang August 1941 zählt der Kommandant des Lagers 606 Internierte.

Ab Oktober 1941 werden „andere Menschenkategorien“ in Jargeau interniert: Prostituierte, Ausländer, politische und administrative Gefangene. Ab 1943 dient das Lager auch als Nebenlager für die Gefängnis von Orléans, und auch die STO-Verweigerer warten dort ein paar Wochen auf ihren Transfer in die Fabriken des Deutschen Reiches. Dieses Lager ist von März 1941 bis Dezember 1945 in Betrieb und zählt 1720 Menschen.

Schlusswort


Abseits von der französischen Hauptstadt, in den Lagern des Loiret, trennen im Juli 1942 die Gestapo und die Polizei von Vichy die Eltern von den Kindern, die während der Razzia des Vel’d’Hiv festgenommen wurden. Dort kann diese verbrecherische Arbeit mit der nötigen Diskretion erledigt werden.
Über diese Zeit in den Lagern (Juli - August 1942), die kürzeste und die schrecklichste, gibt es nur wenige Zeugenaussagen und kein Foto, das zeigen würde, welche Tragödie dies war. Es gab sehr wenig Überlebende: kein deportiertes Kind kam zurück und nur ein paar Eltern überlebten. Ihr erdrückender Schmerz hinderte sie jedoch daran, sich nach der Befreiung Frankreichs deutlicher Gehör zu verschaffen.
Hingegen kamen 159 der 3000 Männern, die im Mai 1941 in den Lagern des Loiret interniert und dann im Juni und Juli 1942 deportiert wurden, zurück. Dank ihnen und dank denjenigen, die flüchten konnten, ist die erste Zeit der Lager besser bekannt. Mehr als 18000 Juden wurden aber zwischen 1941 und 1943 interniert, unter ihnen 4000 Kinder, die mit ihren Müttern während der Razzia des Vel d’Hiv’ festgenommen wurden.
Zeugnis

Meine Lieben,
Ich hoffe, es geht euch allen gut. Mir geht’s gut. Mit einer Anti-Staphylokokken-Impfung würde es mir besser gehen, glaube ich.
Ich habe den Brief von Papa und Lulu vom 7. diesen Monats erhalten. Ich werde mir keine Zeit nehmen können, um ihn zu beantworten. Das gleiche gilt für den Brief von Tante Julia, den ich gestern erhalten habe. Alle diese Briefe haben mich gefreut. Ich glaube dieser ist der letzte. Und zwar aus gutem Grund. Schreibt nicht mehr. Ich habe euch vor kurzem geschrieben, dass ich auf Grund meiner 15 ein halb Jahre nicht mit den anderen 900 Untergebrachten weggefahren war. Aber nun wird jeder mitgenommen: Frauen, Männer, Greise manchmal, einige Kranke und Kinder (13 jährige Mädchen)...
souweineUnd ich auch. Und ich weiß nicht wohin. Ich werde auf jeden Fall in den Osten fahren. Es wird mir lange Ferien ermöglichen. Ich werde reisen.
Macht euch wegen mir keine Sorgen. Es bringt ja nichts, denn die aktuelle Lage ist nur vorübergehend. Es wird ein zusätzliches Abenteuer sein.
Meine Verfassung ist gut. Die Reise wird mühsam. Denn ihr könnt euch vorstellen, wie es wird: es sind nicht 40 Männer und 8 Pferde, sondern 60 Männer. Es ist lustig. Zweibeiniges Vieh.
Also ich wünsche euch, gesund zu bleiben und angenehm zu leben. Und ich schicke euch alle Küsse, die ich in zukünftigen Briefen nicht werde schicken können, weil ich noch nicht weiß, ob mir das Schreiben möglich sein wird. Ich werde mich natürlich bemühen. Also auf Wiedersehen an alle, bis zum nächsten Mal. Ich schicke den Brief auf gut Glück. Falls es einen Gegenbefehl geben sollte, werde ich es euch sofort schreiben, aber es darf nicht wirklich damit gerechnet werden.

Gérald Souweine

17527

Bibliographie

Von Cercil herausgegebene Werke (Auskünfte unter : 0033.2.38.42.03.91)


*Les camps d'internement du Loiret 1941-1943. Histoire et Mémoire
*Le camp de Jargeau, juin 1940-décembre 1945. Histoire d'un camp d'internement dans le Loiret, von Pascal Vion
*Lettres à Chana. Camp de Pithiviers.16 mai 1941-24 juin 1942, von Isaac Schoenberg
*Une petite fille privilégiée. Une enfant dans le monde des camps, 1942-1945, von Francine Christophe
*Pithiviers-Auschwitz 17 juillet 1942, 6h15

Mit freundlicher Erlaubnis von Cercil.