Am 6. Juli 1938 treten die Regierungsdelegationen von 32 Ländern Europas und Amerikas sowie die Vertreter von 34 Nichtregierungsorganisationen in Évian (Frankreich) am Genfer See zusammen, um eine Gesamtlösung für die Frage der österreichischen und deutschen jüdischen Flüchtlinge zu finden.
Ansichtskarte aus Évian-les-Bains von Juli 1938
Seit dem 12. März 1938, dem Tag des Einmarsches der deutschen Truppen nach Österreich als Vorspiel zum Anschluss, ist die Frage noch dringlicher geworden. Bereits am 23 März richtet der Präsident der Vereinigten Staaten Franklin Roosevelt, auch unter dem Druck der öffentlichen Meinung, eine Botschaft an die verschiedenen Nationen, in der er sie zu einem Treffen einlädt, um konkrete Lösungen zu suchen. Ursprünglich wendet man sich an die Schweiz als Sitz des Völkerbundes, sie möge die internationale Konferenz beherbergen. Doch weist die Schweizer Regierung, offensichtlich aus Angst, Deutschland zu missfallen, den Vorschlag zurück. Deutschland wird nicht eingeladen, und Mussolinis Italien lehnt es als Verbündeter des Reichs ab, an der Konferenz teilzunehmen. Die Verkündung der Rassengesetze im Juli 1938 bezeugt die Angleichung seiner Politik an jene Nazideutschlands1 . Ungarn, Rumänien und Polen schicken Beobachter. Die Ausgabe vom 8. Juli 1938 der Zeitung Le Temps erinnert ohne Ironie daran, dass Polen „größtes Interesse an der jüdischen Emigration aus Polen hat und daher die Arbeiten der Konferenz von Évian mit großer Aufmerksamkeit verfolgen wird“ .
Der polnische Außenminister Beck hat tatsächlich seit 1935 eine Politik zur Beseitigung der jüdischen Präsenz in Polen eingeschlagen3.
Gestützt auf die Tatsache....
Obwohl die Lage der österreichischen und deutschen Juden immer verzweifelter wird, bekräftigen zwar die Vertreter der Regierungsdelegationen nacheinander im Laufe dieser Julitage, dass sie sich für die Lösung der Flüchtlingsfrage engagieren, doch schieben sie wirtschaftliche und politische Überlegungen vor, um sich nicht dazu zu verpflichten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.
Die Vereinigten Staaten bleiben bei ihrer Quote von 27.000 Einwanderern pro Jahr, die seit 1924 feststeht. Die Ablehnung, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, wird mit den Auswirkungen der großen Wirtschaftskrise auf die hohe Arbeitslosenrate und auf eine starke einwanderungsfeindliche Stimmung begründet . Der amerikanische Delegierte Miron C. Taylor macht deutlich, dass das Ziel seiner Delegation die Schaffung ex nihilo einer Organisation ist, die beauftragt werden soll, sich mit der Frage der Flüchtlinge unabhängig von deren geographischer Herkunft zu beschäftigen.
Die Länder Lateinamerikas, die normalerweise Einwanderer aufnehmen, um ihre Wirtschaft zu entwickeln, sind zurückhaltend. Einige befinden sich in einer Wirtschaftskrise, während andere Handelsabkommen mit Deutschland vorschieben, dessen Missfallen sie befürchten, falls sie jüdische Flüchtlinge aufnehmen würden.
Die westeuropäischen Demokratien erklären alle, dass sie nicht über ihre früheren Verpflichtungen hinausgehen können. Bérenger, der bei der Konferenz den Vorsitz führt und Frankreich vertritt, bekräftigt die Entschlossenheit der französischen Regierung, den Flüchtlingen zu helfen, schwächt aber gleichzeitig seine Aussage ab: Wenn auch der Eifer Frankreichs, humanitäre Anliegen zu unterstützen, grenzenlos ist, so sind es seine Ressourcen nicht, sie sind im Gegenteil bereits fast erschöpft.
Großbritannien zerstört endgültig jegliche Hoffnung, Flüchtlinge auf breiter Basis in Palästina anzusiedeln. Bezüglich der Ansiedlung in Großbritannien selbst erinnert der Vertreter der Delegation daran, dass, wenn auch sein Land stets eine Aufnahmepolitik gegenüber Flüchtlingen betrieben hat, es doch kein Einwanderungsland ist und mit dem Problem der Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Daher fügt er hinzu, dass die traditionelle Politik der Aufnahme von Asylwerbern nur in engen Grenzen verwirklicht werden kann. Großbritannien lehnt es jedoch nicht ab, über die Ansiedlung von jüdischen Flüchtlingen in Kenia nachzudenken... Belgien, Dänemark, Schweden und die Schweiz erklären, dass sie außerstande sind, Flüchtlinge aufzunehmen, aber dass sie bereit sind, Transitvisa zu gewähren.
Das durch die westlichen Länder an den Tag gelegte Mitgefühl und das ohrenbetäubende Schweigen, das ihm gefolgt ist finden ihr Gegengewicht im Vorschlag der zum amerikanischen Commonwealth gehörenden Philippinen, die Einreise und Ansiedlung von 10.000 jüdischen Flüchtlingen zu gestatten, und der Dominikanischen Republik, 100.000 jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Diese Vorschläge unterstreichen, dass das Schicksal der deutschen und österreichischen Juden erst jenseits der westlichen Hemisphäre auf Interesse stößt.
Der britische Zionistenführer Norman Bentwich und Henri Bérenger von der französischen DelegationBildnachweis: USHMM. Courtesy of National Archives and Records Administration. College Park
Der Mindanao-Plan
Der wenig bekannte Mindanao-Plan, genannt nach der Insel, auf der diese Ansiedlung geplant ist, wurde vor kurzem in einer Publikation auf der Grundlage wenig erschlossener Archive behandelt . Der Vorschlag der Philippinen, 1.000 deutsche und österreichische jüdische Flüchtlinge jährlich über einen Zeitraum von 10 Jahren aufzunehmen, ist ein Sonderfall in Asien, umso mehr, als diese Gebiete unter der Herrschaft der Vereinigten Staaten stehen. Es muss betont werden, dass insoweit als keine Quote auferlegt wird, was damals überall anders ein großes Hindernis für die Einwanderung ist, diese Öffnung zur Vermutung verleitet, dass eine Einreise in die Vereinigen Staaten durch die „Hintertür“ vorstellbar ist. Die einzige Einschränkung ist, dass die Flüchtlinge durch eine Tätigkeit in der Land- und Viehwirtschaft für ihren Unterhalt selbst sorgen müssen. Drei Jahre hindurch werden Pläne geschmiedet, doch stellen sich ihnen zahlreiche Schwierigkeiten entgegen. Der lokale Widerstand der Philippinen wurde unterschätzt. Ihre politischen Vertreter bemühen sich, den Erwerb des für die Ansiedlung der Neuankömmlinge erforderlichen Grunds und Bodens zu verhindern. Darüber hinaus haben die verschiedenen Teilnehmer am Projekt verschiedene Motivationen und Prioritäten. Die jüdischen Vertreter wollen eine rasche Lösung, jene der Vereinigten Staaten, die befürchten, dass der Plan scheitern könnte und dass die Vereinigten Staaten Tausende jüdischer Flüchtlinge aufnehmen müssten, verhehlen ihre negative Einstellung gegenüber dem Ansiedlungsplan nicht. Ephraim Frank fügt hinzu, dass die Absichten des philippinischen Präsidenten Manuel Quezon bis heute nicht klar feststehen: hatte er die Absicht, das Vorhaben zu verwirklichen, oder begnügte er sich damit, zu zeigen, dass er sich mit den Vorhaben der amerikanischen „Besatzer“ abfand? Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 setzt dem Vorhaben ein Ende.
Hoffnung kommt aus der Dominikanischen Republik7
Am 12. August 1938 schlägt der Präsident der Dominikanischen Republik vor, 100.000 österreichische und deutsche jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Man darf sich fragen, welche Motivation Diktator Trujillo hat. Das Zusammenspiel mehrere Faktoren mag dieses Angebot erklären. Einerseits haben sich die bereits niedergelassenen jüdischen Einwanderer innerhalb der lokalen Elite gut integriert; Rafael Trujillo betrachtet die Aufnahme weißer Juden als ein gutes Gegengewicht zur lokalen Bevölkerung, die er als zu schwarz erachtet. Andererseits hofft er, dass sein großzügiges Angebot die Aufmerksamkeit von den blutigen Angriffen ablenken wird, die er im Jahr davor gegen die in der Dominikanischen Republik ansässige haitianische Bevölkerung angeordnet hat. Wie dem auch sei emigrieren lediglich 700 jüdische Flüchtlinge und lassen sich in Sośua nieder, einer im Nordosten der Republik gelegenen aufgelassenen Bananenplantage. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht, verlassen die meisten jüdischen Flüchtlinge das Land, um in die Vereinigten Staaten oder nach Israel zu gehen; andere, oft Männer, die eine Eingeborene geheiratet haben, bleiben.
In der Siedlung Sośua lebende jüdische Flüchtlinge liefern Milch und Bananen
Schlussbemerkungen
Die internationale Konferenz von Évian schließt am 15. Juli 1938. Kein Land hat sich entschlossen, seine Aufnahmepolitik in Frage zu stellen und seine Grenzen weiter zu öffnen. Ganz im Gegenteil, es gibt immer mehr Gesetze, Erlässe, Vorschriften, die jede Hoffnung auf Einwanderung nichtig machen, mit Ausnahme einiger viel zu seltener Fälle. Die Konferenz hat immerhin die Schaffung eines Intergovernmental Committees on Refugees (IGC) ermöglicht, das mit der Fortführung und der Erweiterung der Arbeit der internationalen Konferenz von Évian betraut wurde. Gemäß dem Wortlaut der am 13. Juli verabschiedeten Resolution soll das IGC „Verhandlungen aufnehmen, um die derzeitigen Bedingungen der Flucht zu verbessern und sie durch ordentliche Auswanderungsbedingungen zu ersetzen. , das heißt, dass es den österreichischen und deutschen Juden gestattet werden soll, ihr Land mit ihrem Vermögen zu verlassen. Außerdem wird das IGC „bei den Regierungen der Zuflucht- und Ansiedlungsländer Schritte unternehmen, um die Bedingungen für eine dauerhafte Ansiedlung zu entwickeln.“
Der Mangel an finanziellen Mitteln, beschränkte Befugnisse, die fehlende Unterstützung durch die Mitgliedsländer haben es dem IGC nicht ermöglicht, Aufnahmeländer für die Zehntausenden jüdischer Flüchtlinge zu finden. Der Kriegseintritt im September 1939 hat allen Bemühungen ein Ende gesetzt.
Das Scheitern der internationalen Konferenz von Évian wurde von den Nazis als stillschweigendes Einverständnis der anwesenden Länder aufgefasst, sie über das Schicksal der Juden nach Gutdünken entscheiden zu lassen. Der Danziger Vorposten stellt fest: „Die Konferenz ist also eine Rechtfertigung der deutschen Judenpolitik9. “ Man darf sich fragen, ob das Scheitern der Konferenz von Évian den Naziführern nicht bewusst gemacht hat, dass kein Land einschreiten würde, wenn sie beschließen würden, der Deutsche Reich radikal von jedweder jüdischen Präsenz zu befreien.
Frieda Korweitz und ihre Tochter überschreiten am 8. August 1938 illegal die belgische Grenze. Die belgischen Behörden hatten ihnen nach ihrem Antrag Anfang Juni ein Visum verweigert...
Die Liste der vertretenen Länder:
Argentinien Australien Belgien Bolivien Brasilien Chile Costa Rica Dänemark Dominikanische Republik Ekuador Frankreich Guatemala Haiti Honduras Irland Kanada Kolumbien Kuba Mexiko Neuseeland Niederlande Nikaragua Norwegen Panama Paraguay Peru Schweden Schweiz Uruguay Venezuela Vereinigtes Königreich Vereinigte Staaten
Liste der 34 Delegationen von Nichtregierungsorganisationen
- Internationales christliches Komitee für Nichtarier - Zentralbüro für die Ansiedlung deutscher Juden (London) - Vereinigung für jüdisches Siedlungswesen (Paris) - Hilfskomitee für deutsche Juden (London) - Gesellschaft für den Schutz von Wissenschaft und Studium (London)
- Hilfs- und Unterstützungskomitee für Opfer des Antisemitismus in Deutschland (Brüssel) - Unterstützungskomitee für Flüchtlinge (Paris) - Comite vour Bijzondere Joodsche Belangen (Amsterdam) - Schweizer Zentrum für Flüchtlingshilfe (Basel) - Tschechoslowakisches Zentralkomitee für Flüchtlinge aus Deutschland (Prag)
- Internationaler Verband deutscher Emigranten (Paris) - Internationaler Migrationsdienst (Genf) - Internationaler Universitätsdienst (Genf) - Internationales Komitee für die Unterbringung von geflüchteten Intellektuellen (Genf) - The Joint Foreign Committee of the Board of deputies of British Jews and the Anglo-Saxon Jewish Association (London)
- Agudas Israel World Association (London) - American Joint Distribution Committee (Paris) - Council of German Jewry (London) - HICEM (Paris) - Vereinigung notleidender deutscher Wissenschafter im Ausland (London)
- Deutsches Komitee der Gesellschaft der Freunde „Quakers“ (London) - Internationales Büro für die Wahrung des Asylrechts und die Hilfe für politische Flüchtlinge (Paris) - Jüdischer Weltkongress (Paris) - Neue zionistische Organisation (London) - Emigration Advisory Committee (London)
- Alliance israélite universelle (Paris) - Komitee für die Entwicklung des großen jüdischen Siedlungswesens (Zürich) - Sozialistische Arbeiterinternationale (Paris-Brüssel) - Amerikanisches, englisches, belgisches, französisches, niederländisches und Schweizer katholische Komitees für Emigrantenhilfe
Drei Delegierte der internationalen Konferenz von Évian. Von links nach rechts Henri Bérenger (Frankreich), Myron C. Taylor (Vereinigte Staaten) und Lord Winterton (Großbritannien). Bildnachweis USHMM, courtesy of National Archives and Records Administration. College Park. Copyright: Gemeingut 1 THALMANN Rita, L’antisémitisme en Europe occidentale et les réactions face aux persécutions nazies pendant les années trente. L’Allemagne nazie et le génocide juif, colloque de l’EHESS. Paris. Gallimard-Seuil, 1985, S. 151.
3 EPEBLAUM, Didier. Les enfants de papiers. L’intégration des juifs de Pologne émigrés immigrés en France. 1929-1939. Dissertation für ein Geschichtsdoktorat. EHESS. 1998 4 FRIEDMAN Saul S. No Haven for the Oppressed. Detroit. Wayne State University Press. 1973,SS. 43-53 5 ESTORICK Eric, The Evian Conference and the Intergovernmental Committee. Annals of the American Academy of Political and Social Science. Band 203. Refugees. (May1939), SS. 136-141 6 FRANK Ephraim. The Mindanao Plan: Political Obstacles to Jewish Refugee Settlement. Holocaust and Genocide Studies. 20/2 (2006) SS. 410-436 7 Die Geschichte dieser eigenartigen Wanderung wurde ebenfalls kürzlich in einer Publikation im Rahmen der Ausstellung behandelt, die derzeit im Museum of Jewish Heritage in New York gezeigt wird: Sośua: A Refuge for Jews in the Dominican Republic. 17. Februar – 5. August 2008: KAPLAN Marion A.. Dominican Haven: The Jewish Refugee Settlement in Sośua. 1940-1945. Museum of Jewish Heritage. 2008 8 Protokoll des Intergovernmental Comittees. Évian, 6.-15. Juli 1938. Bericht der Plenarsitzungen des Komitees. Resolutionen und Berichte. London, Juli 1938. 9 THALMAN Rita: op. cit. S. 153