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Die Flüchtlinge in Frankreich

Von 1933 bis 1939


Die Wahl Adolf Hitlers zum Reichkanzler am 30. Januar 1933 löst das Exil der deutschen Juden nicht sofort aus. Aber mit dem Reichstagsbrand am 27. Februar sowie mit den Verhaftungen von mehr als 4000 Regimegegnern beginnt die erste Fluchtwelle ins Ausland. Unter den Flüchtlingen gibt es zahlreiche Juden.
Laut der Historikerin Anne Grynberg gibt es „viele Juden, aber sie sind oft weit entfernt von jeglichem Identitätsgefühl. Sie verlassen Deutschland, weil sie sich zunächst einfach als Hitlergegner bedroht fühlen. Zwischen März und August 1933 registriert die Polizeipräfektur von Paris 7.304 deutsche Flüchtlinge. Zu dieser Zahl müssen die 2.500 illegalen Flüchtlinge hinzugefügt werden.“
Paris ist selbstverständlich nicht das einzige Ziel. Zur selben Zeit wird Sanary im Département Var die weltweite Hauptstadt der deutschen Literatur. Zwischen 25000 und 30000 Deutsche finden Ende 1933 Zuflucht in Frankreich



Man findet überall in Frankreich in den durch die Präfekturen aufbewahrten Fremdenakten Akten von Deutschen, die ab 1933 und von Ex-Österreichern, die ab 1938 angelegt wurden.

Die zweite Einwanderungswelle beginnt, nachdem die antisemitischen Maßnahmen in Deutschland in Kraft treten. Zuerst kommt der Boykott der jüdischen Läden und dann die Umsetzung der Nürnberger Gesetze von 1935.

In Frankreich wird ein Hilfskomitee für die Opfer des deutschen Antisemitismus geschaffen. Zahlreiche Stimmen erheben sich, um die Opfer zu unterstützen. Das verhindert aber nicht die Einführung einer restriktiven Gesetzgebung gegen alle Flüchtlinge im Jahre 1934: sie müssen ein Visum besitzen, Personalausweise werden nur bedingt ausgestellt usw.

Nach dem Plebiszit von 1935, welches das Saarland wieder mit dem Reich verbindet, kommen viele saarländische Flüchtlinge. Es muss dazu gesagt werden, dass es unter ihnen Deutsche gibt, die im Jahre 1933 ins Saarland geflüchtet waren und nun 1935 wieder weggehen müssen.
Am 17. September 1936 unterzeichnet Léon Blum das Abkommen über die Anerkennung des Flüchtlingsstatus für Personen aus Deutschland. Der „Front populaire“ ändert nichts an den getroffenen Maßnahmen.

Frankreich den Franzosen!


Die Kommunisten übernehmen den Slogan der Action française „Frankreich den Franzosen“ .
In dieser durch die wirtschaftliche und internationale Lage verursachten gespannten Stimmung wird die Ankunft jüdischer Flüchtlinge besonders ungern gesehen.
Nach dem 11. März 1938 kommen die vor dem Anschluss geflüchteten österreichischen Flüchtlinge an. Der November und insbesondere die Reichskristallnacht führen zu einem Flüchtlingsstrom aus dem ganzen Reichsgebiet hin zu den französischen Grenzen.

Die Verhaftung von illegalen Flüchtlingen und ihre Befragungen beweisen, dass die Behörden des Dritten Reichs sie darüber informiert haben, wie sie über die Grenze kommen. Einige Flüchtlinge erklären, dass sie von nationalsozialistischen Polizisten bis nach Frankreich begleitet wurden.

Zur selben Zeit entscheiden sich tschechische, deutsche und österreichische Flüchtlinge auf Grund der faschistischen Rassengesetze Italiens, über die Grenze des Départements Alpes Maritimes nach Frankreich zu kommen.

Das Daladier-Dekret vom 2. Mai 1938 schützt das Asylrecht, sieht aber auch eine Haftstrafe von einem Monat bis zu einem Jahr für die Ausländer vor, die illegal ins Land gekommen sind.

Rudolf und Hans Taussig
werden so vom Gericht von Nizza verurteilt.

Anfang 1939 - und sogar schon nach München - sind die Tschechen dran. Ähnlich wie beim Saarland, gibt es unter ihnen Deutsche, die nach 1933 nach Prag geflüchtet waren, und die nun erneut ins Exil gehen, da sie in Prag nicht mehr sicher sind.

Laut Patrick Weil werden zwischen 1933 und 1940 insgesamt 120.000 Deutsche und Österreicher in Frankreich aufgenommen, unter ihnen 90% Juden.

Die offiziellen Schätzungen schwanken. Im Jahre 1939 sind zwischen 45.000 und 70.000 deutsche und österreichische Flüchtlinge auf französischem Boden anwesend.


Unerwünscht


Um das Ausmaß der getroffenen Unterdrückungsmaßnahmen abschätzen zu können, ist es notwendig, sich die Chronologie der Ereignisse zu vergegenwärtigen, die auf die Kriegserklärung Englands und Frankreichs gegen Deutschland folgen. Der Krieg beginnt am 3. September 1939 und führt dazu, dass die Regierung Daladier die Überwachung der politischen Kreise verstärkt, die als subversiv betrachtet werden. Sie dehnt auch das Internierungsverfahren auf jedes Individuum (Ausländer oder auch nicht) aus, das im Verdacht steht, schädlich für die nationale Verteidigung oder die öffentlichen Sicherheit zu sein.

Das Gesetz vom 12. November 1938 über „die Lage und die Fremdenpolizei“ hat bereits das Schicksal dieser „unerwünschten Fremden“ bestimmt: „es ist unentbehrlich, auf Grund ihrer für die nationale Sicherheit schädlichen Tätigkeit ihre Ausschaltung zu gewährleisten“. Zum Zwecke ihrer Internierung entstehen „spezielle Sammelzentren“.

Die Geschichte von Leon Oesterreicher, der am 1. Januar 1910 in Lackenbach im Burgenland geborenen wurde, illustriert die Lage.

Er ist der Sohn von Ignaz und Lina - geborene Moses - und gelernter Schuster. Er verlässt seinen Wohnsitz, um sich im April 1938 nach dem Anschluss in Wien zu verstecken. Leon verlässt das Gebiet des Dritten Reichs, geht in die Schweiz und überschreitet am 18. Juli 1938 in Basel die französische Grenze.

Er nacheinander wohnt in Lagny im Département Seine et Marne, in Blangy le Château im Département Calvados, im Département Orne, wo man seinen Reisepass beschlagnahmt, und er kommt am 10. Oktober 1938 in Lyon an.

Man findet ihn am 1. Februar 1939 in Bron im Heim in der Rue de la Solidarité wieder.

Später lässt er sich im Hotel Thomassin, 80 bis Rue Mercière, nieder, wo er sich noch im April 1939 aufhält. Er wird vom Komitee für die israelitischen Flüchtlinge von Lyon betreut und besitzt eine bis 3. Mai gültige Bescheinigung .

Er erklärt, in der Landwirtschaft arbeiten zu wollen. Das machen viele Flüchtlinge, um in Frankreich bleiben zu dürfen.

Léon Oesterreicher kann Französisch weder sprechen noch verstehen. Er ist 1,84 m groß, hat braune Haare und blaue Augen. Seine Polizeikarte gibt an, dass er als besonderes Kennzeichen eine 5 cm lange Narbe auf der linken Wange hat.

Im Juli 1939 entscheidet das Innenministerium, ihn zum Umschulungszentrum von Martigny im Département Vosges zu schicken.

Um eine Internierung in einem Lager zu entgehen, meldet er sich am 17. November im Rekrutierungsbüro von Neufchâteau, ebenfalls im Département Vosges, zur Armee und wird in das2. ausländischen Regiment von Meknès eingegliedert.

Der älteren Schwester Leons, Hedwig, gelingt es, nach England auszuwandern, wo sie als Hausmädchen arbeitet.

 

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Leon und Hedwig nach dem Krieg in Lyon
Sammlung Oesterreicher