Während unserer Nachforschungen in den Ausländer-Akten der Präfektur des Départements Rhône in Lyon haben wir die Familie Taussig wiedergefunden, die wir schon in anderen Unterlagen in Lyon und in Nizza kennen gelernt hatten. Sie hatten sich nicht für Belgien, sondern für Frankreich entschieden, als sie von Wien weggingen. Wie die Familie Kornweitz verließen sie das Dritte Reich ziemlich spät.
Die Familie von Rudolf Taussig bekommt am 2. Juni 1939 einen Reisepass in Wien und verlässt das Dritte Reich am 27. über die Grenzstelle von Arnoldstein in Kärnten – heute im Dreiländereck zwischen Österreich, Italien und Slowenien.
Rudolf und seine Frau Leonie sind 56, ihr Sohn Hans 29. Sie kommen über die Provinz Friaul nach Italien. Zur dieser Zeit akzeptiert Italien keine ausländischen Juden mehr auf seinem Staatsgebiet. Die Familie Taussig wird wahrscheinlich durch die italienischen Behörden und dem COMASEBIT (Comitato d’assistenza agli Ebrei in Italia) in Obhut genommen und bis zur italienischen Riviera eskortiert. Wir finden sie am 9. Juli 1939 wieder, als sie an der französischen Küste in Roquebrune Cap Martin an der Côte d’Azur anlegen.
Die Gendarmen wurden durch einen Anruf über eine Überfahrt von illegalen Flüchtlingen benachrichtigt und erwarten sie am Strand. Sie nehmen sie fest und führen sie nach Menton.
Im Protokoll seiner Festnahme sagt Rudolf Taussig:
„Meine Frau, mein Sohn und ich haben in Ventimiglia ein Boot bestiegen, um nach Frankreich überzuwechseln. In Deutschland war es für uns schwierig. Wir sind um 21Uhr von Ventimiglia weggefahren und um 00Uhr10 in der Nähe von Menton an Land gegangen. Zwei Personen haben es geschafft zu fliehen, indem sie sich in den Felsen versteckt haben. Wegen der Dunkelheit war es mir nicht möglich, die Schiffer zu erkennen. Ich weiß noch, dass sie zu dritt waren. Wir haben 600 Lire pro Person bezahlt und ich erkenne die Personen vor mir nicht als die Schiffer. Das Boot war drei Meter fünfzig lang und ein Meter fünfundzwanzig breit. Es war ein Ruderboot.“ Die an diesem Abend festgenommenen Personen sind:
Taussig Leonie, geborene Bondy, am 29.3.1885 in Wien geboren; Tochter von Joseph Bondy und Bertha Donath Taussig Rudolf, am 26.5.1883 in Chrudim in der Tschechoslowakei geboren, Sohn von Adolf Taussig und Louisette Teveles Taussig Hans, am 28.6.1910 in Wien geboren, Sohn von Rudolf und Leonie
Landau James, am 21.08.1895 in Breslau geboren, Sohn von Wilhem und Henriette Kehlmann Kulka Bruno, am 30.12.1894 in Prerou (Mähren) geboren, Sohn von Jean und Emma Herzka.
Am 11. Juli bekommen Rudolf und seine Familie einen Passierschein für Lyon und kommen dort am 14. an. Rudolf und Hans werden am 24. Juli zum Flüchtlingsheim von Bron, 8 rue de la Solidarité, geschickt.
Rudolf kommt hin und wieder aus dem Heim heraus, bis er im Herbst im Lager von Loriol im Département Drôme interniert wird. Er wird erst am 7. Januar 1940 freigelassen, da der Kommandant des Lagers, Oberstleutnant de Sclere, im Oktober 39 nicht der Meinung war, dass er der Wirtschaft nützlich sein könnte.
Loriol (Drôme) ist wie das Lager von Chambaran ein französisches Sammel- und Internierungslager für „feindliche Staatsangehörige“, und war zwischen September 1939 und Mai 1940 in Betrieb. Nach dem ersten „Sieben“ („Criblage“ ist die französische Bezeichnung für die systematische Untersuchung und Einteilung der Ausländer in Verdächtige und Unverdächtige) sind Loriol et Chambaran die einzigen Lager der Départements Isère und Drôme, die am 12. März geöffnet bleiben. Die Internierten, die aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen für leistungsunfähig gehalten werden, werden nach Loriol geschickt, wo sich schon die älteren Personen befinden. Zwischen März und April 1940 gibt es im Lager von Chambaran 400 Leistungserbringer und im Lager von Loriol 150 Nichtleitungserbringer. 1940 ist Rudolf Taussig 57 Jahre alt: wahrscheinlich wurde er deshalb nach Loriol geschickt und im Januar 1940 freigelassen.
Hans wurde von Bron in das Krankenhaus von Tullins im Département Isère geschickt, das auf einem Dokument seiner Ausländer-Akte von der Präfektur des Département Rhône als Konzentrationslager erwähnt wird. Er wird nach einer Entscheidung der „Commission de Criblage“ am 21. Februar freigelassen.
Wir haben auch eine Erwähnung der Tochter von Rudolf und Leonie gefunden. Sie heißt Alice, wurde 1911 geboren und ist die Ehefrau von Paul Wortmann, der in Chambaran interniert ist.
In einem Bericht der Präfektur des Départements Rhône vom 24. Januar 1940 gibt Inspektor Thomas an, dass Alice und ihre Mutter gemeinsam in der Rue Jean-Marie Duclos 6 wohnen, und dass sie von dem Israelitischen Komitee der Rue Ste Catherine unterstützt werden. Leonie Taussig erreicht bei der „Commission de Criblage“ des 27. Mai 1940 eine Dispensierung von der Internierung.
Am 23. April 1940 bekommt Rudolf eine Aufenthaltserlaubnis als „Flüchtlingsarbeiter“. Er besitzt nämlich seit dem 19. März einen Arbeitsvertrag als Metallhilfsarbeiter, der bis zum 19. Juni gültig ist. Diese Erlaubnis wurde dann noch öfter bis zum 15. Juli 1941 verlängert.
Am 26. Februar 1941 wird die Familie Taussig vom Strafgericht von Nizza in Abwesenheit für ihre "illegale Einreise nach Frankreich" zu einem Monat Haft und 100 Francs verurteilt. Die Strafe wird von Hans und Rudolf im Gefängnis St Paul in Lyon abgesessen, wo sie im Haftregister vom 25. August aufscheinen. Sie werden am 24. September 1941 freigelassen.
Sie erklären, dass sie in die USA emigrieren wollen, wo sich Alice nun niedergelassen hat. Paul Wortmann und seine Frau haben es nämlich geschafft, von Frankreich nach Portugal zu flüchten, wo sie am 8. März 1941 in Lissabon ein Visum erhalten haben, mit dem sie in die USA einreisen dürfen. Siehe Passagierliste. Ihr Schiff, die Carvalho Araújo, legt am 3. April 1941 im Hafen von New York an.
Später gehen sie nach Philadelphia.
Der Familie Taussig wird es leider nicht gelingen, von Frankreich wegzukommen. Sie werden während der Razzia in der südlichen Zone im Sommer 1942 festgenommen und in Drancy interniert. Alle drei werden am 2. September 1942 mit dem Transport 27 nach Auschwitz deportiert.