Quantcast Das Schloss des Bégué
fr - en - de

Das Schloss des Bégué

Landwirtschaftliches Aufnahmezentrum des Bégué in Cazaubon im Département Gers


Das landwirtschaftliche Aufnahmezentrum des Bégué ist das dritte Zentrum, das die durch das Team des Abbé Glasberg gegründete Direction des Centres d’Accueil (DCA - Direktion der Aufnahmenzentren) eröffnet hat. Das erste befand sich in Chansaye im Département Rhône und nahm Insassen ab November 1945 auf. Das zweite wurde in Pont-de-Manne im Département Drôme im Mai 1942 eröffnet. Das Eröffnungsdatum des Zentrum des Bégué steht weniger genau fest. Abbé Glasberg spricht von August 1942, wohingegen Madame d’André, Eigentümerin des Objekts, sich an eine erste Kontaktnahme zwischen ihrem Mann und wahrscheinlich dem Abbé Glasberg im Oktober 1942 erinnert.

In dem am 30. November 1941 verfassten und dem Koordinationsausschuss für die Hilfe in den Lagern vorgelegten Bericht wird die Frage der Bedeutung der geographischen Lage der Aufnahmezentren dargelegt:
„Das Zentrum sollte:
1. Eher entfernt von einem städtischen Gebier und gleichzeitig in der Nähe von Lyon liegen, damit unsere Direktion, die dort ihren Sitz hat, eine ständige Verbindung mit ihm aufrechterhalten kann.
2. Sich in einer Region befinden, in der die Versorgungsprobleme ohne allzu große Schwierigkeiten gelöst werden können.
3. So angelegt sein, dass es eine rasche Einrichtung ohne übertriebene Investitionen ermöglicht.“1

Wie kann man die Wahl von Cazaubon erklären?


- Bezüglich der Lage geht das Treffen zwischen Henri d’André und der DCA auf eine Initiative Seiner Eminenz Théas, Bischof von Montauban, zurück. Als er während des Ersten Weltkrieges in Auch stationiert war, lernte er Fernand Sentou kennen. 1942 bat der Bischof von Montauban aufgrund der freundschaftlichen Verbindung und der gemeinsamen Ablehnung der deutschen Besatzung seinen Freund, der inzwischen Bürgermeister von Gazaubon war, um Hilfe. Dieser meinte, dass das Schloss des Bégué, das Herr und Frau d’André vor kurzem gekauft hatten, für die Schaffung eines Aufnahmezentrums geeignet sein könnte.
- Bezüglich der Versorgung ermöglicht die in dieser Region herrschende Gemischtkultur eine relativ leichte Versorgung, sodass diese Frage zumindest teilweise gelöst werden kann. Wir werden später sehen, wie lokale Komplizenschaft ebenfalls geholfen hat.
- Schließlich war das Schloss des Bégué, bis es das Ehepaar d’André 1941 gekauft hatte, ein Gut mit 50 Hektar landwirtschaftlicher Anbauflächen, mit einem Gebäude, das Kurgäste des Thermalbades Barbotan aufnahm. Die von den neuen Eigentümern vorgenommenen Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen, doch das Haus ist geeignet. Außerdem zahlt die DCA den Eigentümern nur eine fiktive Miete, diese stellen das Haus einfach zur Verfügung.

Lassen wir Nina Gourfinkel die Örtlichkeiten beschreiben:
„Welch ein Turm Babel! Aber auch welch ein Rahmen! Der Bau..., mit seinen zwei unförmigen Türmen, von denen einer unvollendet war, war dem düsteren Gehirn einer Irren entsprungen, die in ihren alten Tagen einen Sinn für Architektur in sich entdeckt hatte. – Bevor er den d’Andrés gehörte, war das Schloss von der früheren Eigentümerin, Madame de Favoles, restauriert worden, der es weder an Geld noch an Fantasie mangelte. – Gemäß eines zusammengewürfelten Grundrisses, gedrängte Räume, mit fantasievollen Winkeln, die sich dem Aufstellen normaler Möbel widersetzten. Versuche einer überladenen Dekoration, geschnitzte Motive, eingebaute Spiegel, Fragmente exotischer Fresken, Seite an Seite mit gewöhnlichem Gipsverputz. Waschräume, deren komplizierte Installationen höchsten Luxus vorgaukelten, doch war der Elektromotor schwach, sodass man ständig unter Wasserknappheit litt. Die riesige Eingangshalle mit schwarzen und weißen Bodenplatten nahm das gesamte Erdgeschoss ein und schien extra dazu ausgelegt worden zu sein, um arktische Zugluft zu begünstigen. Alles war großzügig mit Heizkörpern versehen, die durch keinerlei Rohr mit einem Heizkessel verbunden waren. Ringsherum verlor sich ein ausgedehnter Park in den Weingärten und den Weiden“.2

 
egue 
Das Schloss des Bégué

Diese Beschreibung wird durch jene von Joseph Schwarzberg ergänzt, die Pierre Cames zitiert: „Im ersten Stock befanden sich der imposante gemeinsame Speisesaal und die Küche. Dort lag auch Herr Vermonts Büro sowie ein Schlafsaal für die kleinen Buben. Im zweiten und im dritten Stock befanden sich die Schlafzimmer.“3 Ehepaare verfügten über eigene Zimmer, Alleinstehende schliefen hingegen in Schlafsälen.

Laut Simone d’André trafen gleich nach Vertragsabschluss die ersten Insassen im Brégué ein.

Die Insassen


Die Anzahl der im Aufnahmezentrum untergebrachten Personen ist nicht bekannt. Anscheinend gab es ebenso wie in den anderen Zentren ein reges Kommen und Gehen. Ein ausführliches Verzeichnis wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Dafür gibt es vielfache Gründe.
- Wie Abbé Glasberg in seinem mit September 1944 datierten Bericht über die Tätigkeit der DCA betont, nimmt das Zentrum des Bégué „weniger überstellte Flüchtlinge als Personen auf, die aus der besetzten Zone und aus Lagern entkommen sind und junge Franzosen, die sich dem Arbeitsdienst (STO) entziehen“ 4 Es handelt sich also keineswegs ausschließlich um Personen, die aus den Lagern in das Aufnahmelager überstellt wurden. Eine einzige derartige Überstellung wurde identifiziert, im Mai 1943, als elf Personen das Internierungslager Noé verlassen haben, um im Bégué aufgenommen zu werden.
- Nina Gourfinkel erklärt ihrerseits, dass die meisten untergebrachten Personen falsche Identitäten hatten: „In dem Maße, in dem neue Personengruppen durch die Versorger Auschwitzs oder des Atlanktikwalls gejagt wurden, ließen wir die Leute verschwinden, und sei es, um sie der Polizei als flüchtig zu melden. [...] Nachdem sie in den Départements Rhône oder Drôme verschwunden waren, tauchten unsere Leute, mit neuen Identitäten versehen, im Département Gers wieder auf“. 5 Dies trifft für den Künstler Max Lingner, alias Marcel Lantier, zu, der von Chansaye nach Cazaubon kam.

In ihrer Schilderung L’autre partie spricht Nina Gourfinkel von hundertfünfundzwanzig Personen, ohne jedoch ein Datum für diese Schätzung anzugeben. Laut einer Aussage von Madame d’André beherbergt das Aufnahmezentrum am Höhepunkt seiner Geschichte von hundertdreißig bis hundertfünfzig Personen, die im Zentrum und seinen Nebenstellen untergebracht sind. !943 spricht der Abbé Glasberg von achtzig bis hundert Insassen, bevor Neuzuzüge die Direktion zwingen, andere Unterbringungslösungen zu finden. Bei der Befreiung zählt er dreiundachtzig Personen, die dem Aufnahmezentrum direkt unterstehen. „Die meisten sind alt, arbeitsunfähig, und sind gezwungen, das Kriegsende abzuwarten, oft mittellos und ohne Sicherheit, ihre Angehörigen wiederzufinden“.6 Er meint, dass nur ein Teil von ihnen nach Einstellung der Kampfhandlungen weggehen wird können. Im November 1945 erwähnt der Präfekt des Départements Gers noch achtzig Personen im Zentrum des Bégué, fügt aber hinzu, dass es sich um inhaftierte Flüchtlinge und um repatriierte KZler handelt. 7



Wer sind diese Insassen?


Punkto Staatsangehörigkeit gibt es laut Roger Jalowitz, 1895 in Rouen geboren, sehr wenige Franzosen. Als er mit seiner Familie in Cazaubon 1943 eintrifft, sind sie beinahe die einzigen Franzosen im Zentrum. Unter den Insassen gibt es Deutsche, Österreicher, Jugoslawen, Polen, Russen, Holländer, Tschechoslowaken, wie der junge Adolf Steg und seine Schwester Albertine. Manche sind aus ihrem Land geflüchtet, um den antisemitischen Maßnahmen zu entgehen, andere haben sich bei Kriegsausbruch bereits vor mehreren Jahren in Frankreich niedergelassen.

„In Bégué leben Männer und Frauen jeglichen Standes, jeglicher Weltausschauung Seite an Seite, Juden oder Nichtjuden, Konservative, Kommunisten und, unter dieser kosmopolitischen Einwohnerschaft, einfache Menschen und auch Persönlichkeiten: Maler, Musiker, Schriftsteller, Politiker und Anwälte“8. Das trifft für Wilhelm Leo zu. Als in Berlin niedergelassener jüdischer Anwalt ist der mit seiner nichtjüdischen Frau Frieda und ihren drei Kindern Ilse, Edith und Gerhard aus Nazideutschland geflohen. Wilhelm und seine Familie leben seit 1933 in Paris und betreiben eine kleine Buchhandlung. Im Mai 1940 erhält er den Befehl, sich im Stadium von Colombes zu melden, und wird dann im Lager des Milles als feindlicher Ausländer interniert. Ilse muss sich im Vélodrome d’hiver melden, von wo sie im Juni 1940 ins Lager von Gurs deportiert wird. Im November wird sie ins Aufnahmezentrum von Chansaye überstellt, dann mit ihrer in Lyon geborenen Tochter nach Vic-sur-Cère, während ihr Vater, der in eine Gruppe ausländischer Arbeiter GTE in Montauban eingegliedert wurde, 1943 nach Cazaubon kommt, wo er ein Jahr lang bleibt, bevor er im September 1944 nach Paris zurückkehrt. 9

Selbstverständlich verläuft das Zusammenleben der Insassen nicht spannungsfrei. Nina Gourfinkel erzählt: „Wir empfahlen Werkstätten, Gemüsegärten, Feldarbeit, aber es war nicht leicht, sich mit unserem bunt zusammengewürfelten Publikum zu verständigen, das sich sofort über Zwangsarbeit beschwerte. Die Unterschiede im Alter, in der Herkunft, in der Sprache, im Vermögen, führte zur Bildung zahlreicher einander feindlich gesinnter Gruppen, deren Gegensatz durch unterschiedliche politische Auffassungen noch weiter verschärft wurde.“ 10

steg

Albertine Steg, Hannelore Trautmann, Liliane Staub, Renée Stein und Rosette

Schaffung von Nebenstellen


Der ständige Zuzug neuer Personen, die von der Hilfe und dem Schutz erfahren haben, die sie im Bégué finden könnten, macht eine Ausweitung des Zentrums erforderlich. So werden zwei nahe gelegene Bauernhöfe, Porter und le Pérueil in Cazaubon gemietet. Das reicht nicht. Der Abbé Glasberg berichtet, dass „mittellose Männer, die gegenüber der Organisation des Zentrums etwas Unabhängigkeit erlangen wollen, zustimmen, in Bauernhöfen zu arbeiten, die manchmal von der Canton-Hauptstadt weit entfernt liegen.“ 11

Alltagsleben und Hausordnung


Ebenso wie in den anderen Zentren der DCA nimmt das Leben trotz schwieriger erster Monaten, anfangs mit der Hilfe der Quaker, des Roten Kreuzes und des Secours national, organisierte Formen an. Die durch Pierre Cames zitierte Aussage von Roger Jalowicz erwähnt einige Einzelheiten: „Die gesunden Männer beschäftigten sich in der Küche, im Garten, bei der Instandhaltung des Gutes. Manche nahmen eine Teilzeitbeschäftigung in umliegenden landwirtschaftlichen Betrieben an, wodurch die Versorgung verbessert werden konnte. Die Frauen besorgten die Hausarbeit und verschiedene Näh- und Kocharbeiten. [...] Das Essen war ausreichend, mit Fleisch bei jedem Mittagessen. Das Vieh (Rinder, Schafe, Schweine) wurde durch den Lebensmittelkontrollor des Cantons – Herrn Malandain – geliefert; es wurde geheim in einer Scheune des Bégué geschlachtet. Es gab eine Krankenstation, die unter der Verantwortung von Fräulein Saurel stand. Ein junger Arzt, Maurice Vincent, kam bei ernsten Erkrankungen aus Eauze.“

Das Leben ist organisiert, aber auch reglementiert. Der Direktor des Zentrums ist nämlich persönlich für die Insassen gegenüber den französischen Behörden verantwortlich, und eine Hausordnung ist ausgehängt. Außerdem werden die Identitäts- und Lebensmittelkarten den Insassen abgenommen und dem Direktor übergeben. Schließlich ist es nicht möglich, sich außerhalb der Grenzen des landwirtschaftlichen Gutes zu bewegen, auch sind Ortsveränderungen ohne Passierschein nicht gestattet, während die Kontakte mit der örtlichen Bevölkerung auf ein Minimum reduziert sind. Es gibt nur einmal in der Woche Ausgang, um sich in die Badeanstalt von Barbotan und für die Damen zum Friseur zu gehen.

Das Personal des Zentrums


Die Direktion des Zentrums obliegt bis zu seiner Verhaftung am 16. August 1943 Victor Vermont, mit wahrem Namen Vila Glasberg, Bruder des Abbé Glasberg. Er wird vorübergehend durch den 18-jährigen Ady Steg ersetzt, dann durch Major Scheppe, dann ab Dezember 1943, mit Zustimmung der Amitiés Chrétiennes, durch Gaston Luino, ehemaliger Provinzkommissar der Compagnons de France, mit Unterstützung eines Sekretärs, Roger [...] Sinclair.
Außerdem gibt es eine Krankenschwester, Fräulein Saurel, und die Verwaltung obliegt der Familie Morandin.




1 SSAE 2005/001 13/168 „centre d’accueil’“
2 GOURFINKEL Nina, Naissance d’un monde, Band 2 L’autre patrie. Paris : Seuil, 1953.
3 CAMES Pierre, Cataubon: chronique des années de guerre, 1939-1945. Antony : P. Cames, 2002, S. 84. Die Schilderung von Joseph Schwarzberg ist eine für seine Kinder und Enkel verfasste Biographie.
4 CDJC CCXVII-31 a. Rapport sur l’activité des centres d’accueil 1941-1944.
5 GOURFINKEL Nina, Naissance d’un monde, Band 2 L’autre partie de Paris. Paris : Seuil, 1953.
6 CDJCG CCXXVII-41 . Rapport sur l’activité des centres d’accueil 1941-1944.
7 Archiv des Départements Gers : R 605-606
8 CAMES Pierre, Cazaubon: chronique des années de guerre, 1939-1945. Antony : P. Cames, 2002, S. 89.
9 Privatarchiv, Suzanne Pollak.
10 GOURFINKEL, Nina
11 Durch Pierre CAMES zitiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

wilhelmleo

 

 Der Anwalt Wilhelm Leo alias Leo Winter. © Sammlung Pollak-Dorot Association d’histoire

 

 

 

 

 

 

 Identitäten einiger Insassen und Angestellter

Alexandre Glasberg = Pater Elie
Vila Glasberg = Victor Vermont
Wilhelm Leo = Leo Willer
Franz Soel = François Kandau
Joseph Schwarzberg
Adolphe Steg
Albertine Steg= Annette Tabard
Volodia ?
Hans Haffner
Roger Jalowicz = Roger Jouin
Hannelore Trautmann
Liliane Staub
Renée Stein 
Sylvestre Valdi
Maitre Wallfisch = Henri Vallier
Albert Frisch
Albert Paul