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Bericht Félix Chevrier


Die Lage der Flüchtlinge in Frankreich 1939

Fonds Félix Chevrier CDJC Mémorial de la Shoah
CCCLXIII-6


„Das Jahr 1939 begann mit einem neuen Zustrom von Flüchtlingen aus Deutschland und aus Österreich, die ihr Land infolge des Wiederaufflammens der Verfolgungen nach dem Mord an einem Legationsrat an der deutschen Gesandtschaft in Paris durch einen jungen polnischen Juden verlassen mussten.

Um aus Deutschland zu fliehen, scheuten diese Unglücklichen nicht davor zurück, heimlich oder illegal in Frankreich einzudringen, und man kann behaupten, dass die Anzahl der illegalen Grenzübertritte mindestens gleich groß, wenn nicht größer ist, als jene der legalen Einreisen.

Um die Frage der Flüchtlinge in Frankreich zu begreifen, muss man sich zuerst daran erinnern, dass bei der letzten Volkszählung unter den 42 Millionen Einwohnern Frankreichs etwa drei Millionen Fremde gezählt wurden.
Unter diesen Fremden wollte die Regierung eine Unterscheidung zwischen jenen treffen, die dem allgemeinen Recht unterstehen, und den Flüchtlingen, die ein Recht auf Asyl haben: das heißt diejenigen, die aus ihrem Land verjagt und von Frankreich aufgenommen wurden. Für sie hat unser Land den Grundsatz angewendet: „wer von Frankreich Asyl fordert muss sich verpflichten, ihm im vollen Ausmaß seiner Fähigkeiten und seiner Mittel zu dienen“.

Allein die Anzahl der Fremden, die in Frankreich wohnen, und die Tatsache, dass es Anfang des Jahres 1939 400.000 Arbeitslose in unserem Land gab, hat dazu geführt, dass die Regierung Maßnahmen ergreifen musste, um:
1) die Anzahl der Flüchtlinge einzuschränken, die ins Land kommen konnten,
2) sie sich nur kurze Zeit in Frankreich aufhalten zu lassen, indem man sie meist nur dann aufnahm, wenn sie sich im Transit für ein Land in Übersee befanden.

De facto sind zahlreiche Flüchtlinge nicht nur heimlich gekommen, sondern auch mit einem Transitvisum, das ihnen einen kurzen Aufenthalt erlaubte, ohne jedoch in Frankreich mehr oder weniger legal bleiben zu können. Sehr oft war es ihnen übrigens materiell unmöglich, der sie betreffende Ausweisungen oder Aufenthaltsablehnung Folge zu leisten, und sie wurden zu Gefängnisstrafen von ein bis sechs Monaten und zu Geldstrafen von 100 bis 1.000 Francs verurteilt.

Eines der Merkmale der Einwanderung der Flüchtlinge von 1939 ist ihre vollständige Mittellosigkeit. Fast alle diese Unglücklichen sind ohne jegliche Habe in Frankreich angekommen, denn die Nazis haben ihnen alles weggenommen und sie mussten sofort von unseren Komitees übernommen werden.


Unsere Tätigkeit während der ersten acht Monate von 1938 hatte drei Hauptziele:

1) Die eigentliche Unterstützung. Diese wurde vom Flüchtlingshilfskomitee und von einigen lokalen Komitees gewährleistet. Insbesondere von den Komitees von Nizza und von Straßburg, die mehrere tausend Flüchtlinge übernehmen mussten.
Diese Unterstützung bestand in wöchentlichen oder monatlichen Zuwendungen und in Mahlzeiten, die kostenlos oder für geringfügige Beträge verteilt wurden.
Im Großen und Ganzen betrugen die Summen, die monatlich vom Flüchtlingshilfskomitee ausgegeben wurden, eine bis eineinhalb Millionen für die Zeit bis zum 1. September 1939.

2) Wir meinten, es würde nicht ausreichen, die Flüchtlinge am Verhungern zu hindern, sondern dass es notwendig sei, sie einzugliedern, umzuschulen und ihnen die Möglichkeit zu geben, später einen bezahlten Beruf auszuüben.



So hat das Berufs-Umschulungszentrum Hunderte von Flüchtlingen in Berufsschulen untergebracht, die als Facharbeiter in den Fabriken eingestellt werden konnten.
Das O.R.T hat ebenfalls Nähkurse, Kurse für Autogenschweißen, für Schreibmaschinenreparatur, für Ausrüstungstechnik usw. eingerichtet.

Andererseits haben wir mit derselben Absicht und um den Flüchtlingen, die in die in Überseeländer auswandern mussten, zu ermöglichen, sich mit ihrem künftigen Beruf vertraut zu machen, eine gewisse Anzahl von ihnen in Richtung Landwirtschaft gelenkt.

In Martigny wurde ein Bauernhof gemietet, wo mehrere Dutzend Flüchtlinge eine landwirtschaftliche Lehre beginnen konnten. Der Lehr-Bauernhof des Zentrums in der Gegend von Saumur war ebenfalls während mehrerer Monate in Betrieb. Am Vorabend des Krieges entstand eine neue Organisation für die landwirtschaftliche Ausbildung junger Flüchtlinge im Département Corrèze.
Unabhängig von diesem Bauernhof haben wir die individuelle Entsendung von Flüchtlingen nach Übersee, insbesondere nach Nordamerika und in einige südamerikanische Länder, gefördert.
So konnten Dank der Hilfe des HICEM in den ersten acht Monaten von 1939 1.740 Flüchtlinge statt 1.260 im Jahre 1938 nach Übersee auswandern. Trotz all unserer Anstrengungen, ungeachtet der ständigen Einschränkungen der Überseeländer, die Auswanderung zu verstärken, mussten viele Flüchtlinge in Frankreich bleiben und lag die Zahl jener, die auswandern konnten, weit unter jener der Flüchtlinge, die in den ersten acht Monaten dieses Jahres nach Frankreich kamen.

Das gesamte Flüchtlingsproblem änderte sich durch den Krieg, und die obenerwähnten Daten sind auf die letzten vier Monate von 1939 nicht anwendbar.
Die beherrschende Tatsache war die Schaffung der „Sammelzentren für Ausländer“, das heißt der Konzentrationslager.
Nach kurzem Zögern wurde bestimmt, dass alle Menschen zwischen 17 und 65 Jahren aus dem Saarland, Deutschland und Österreich prinzipiell interniert werden mussten. Die Männer zwischen 18 und 48 hatten die Möglichkeit, sich für die Dauer des Krieges in der Fremdenlegion zu verpflichten. Außerdem wurden Flüchtlinge, die Asylrecht genossen, das heißt Saarländer, Ex-Österreicher und diejenigen, die in ihrem Pass die Eintragung „Flüchtling aus Deutschland“ hatten, bis zum 55. Lebensjahr zu Dienstverpflichteten erklärt: sie mussten für die Landesverteidigung arbeiten und wurden den Soldaten gleichgestellt. Die Männer, die außerstande waren, sich im Lager aufzuhalten, konnten freigelassen werden, und ein interministerieller Ausschuss wurde gebildet, der zum Ziel hatte, die Fälle der Internierten zu untersuchen und die allfällige Freilassung derjenigen zu beschließen, die die erforderlichen Loyalitäts- und Sittlichkeitsgarantien aufwiesen.

Außerdem konnten wir nach zahlreichen Interventionen erreichen, dass die Flüchtlinge, die die erforderlichen Visa und Tickets besaßen, ihre Auswanderungsmöglichkeit nach Übersee nutzen konnten, und im Dezember vergangenen Jahres sind mehr als 250 Internierte in die USA oder nach Südamerika gereist. Dank all dieser Maßnahmen wurde die Anzahl der Internierten, die zu Beginn des Krieges wahrscheinlich 16.000 bis 18.000 betragen hat, jetzt um mehr als die Hälfte verringert.

Die Schaffung der Lager war weit davon entfernt, unser Komitee zu entlasten, sie hat ihm ganz im Gegenteil neue beträchtliche Aufgaben aufgebürdet.

Wir mussten den Internierten selbst zu Hilfe kommen. Die Lager waren in der Mehrzahl improvisiert und die Internierten waren nur mit ihrer Tageskleidung ohne Decken, ohne Ersatzwäsche, ohne Arbeitsschuhe usw. angekommen.

Die Kommission der Sammelzentren, der im November gebildet wurde, um den internierten Flüchtlingen zu helfen, hat mehr als 600.000 Francs für Decken, Schuhe, Arzneimittel, Kleidung usw. ausgegeben. Doch die Zunahme der Kosten unseres Komitees liegt hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass die Internierung der gesunden Männer zur Folge hatte, ihren Familien die Versorgungsquellen zu entziehen. Hunderte und Tausende Personen, die bis heute nie um unsere Hilfe ersucht hatten, mussten kommen, um unsere Unterstützung zu verlangen. Unter den Internierten war ein ziemlich starker Anteil seit mehreren Jahren in Frankreich und arbeitete dort regelmäßig. Die Internierung dieser Männer war die Ursache des Elends ihrer Familien und ihrer Kinder.

Außerdem halfen wir nicht nur den Internierten und den Familien der Internierten, auch die Mehrzahl der aus den Lagern freigelassenen Männer mussten von unseren Komitees unterstützt werden. Denn die Männer, die aus Gesundheitsgründen freigelassen wurden, sind natürlich nicht in der Lage, eine bezahlte Tätigkeit auszuüben, und unser Komitee muss ihnen regelmäßig zu Hilfe kommen.

Die Kosten des Flüchtlings-Hilfskomitees haben sich seit dem Krieg mehr als verdreifacht. Dies erklärt sich nicht nur durch die Zunahme der Anzahl der Personen, die aus den oben angegebenen Gründen Hilfe bekommen, sondern auch dadurch, dass die Hilfen jetzt ständig und regelmäßig gegeben werden.

Vor dem Krieg gab es viele Flüchtlinge, die sich in einem Augenblick der Not an das Hilfskomitee wandten, dann gelang es ihnen, eine mehr oder weniger regelmäßige Beschäftigung zu finden, einen kleinen Handel zu betreiben, Unterricht zu geben usw… Das ermöglichte ihnen, zu leben, ohne sich regelmäßig an unser Komitee zu wenden.

Heute ist das Hilfskomitees ihre alleinige Geldquelle. Es kommt für die Intellektuellen nicht mehr in Frage, Privatunterricht zu geben, die kleinen Geschäfte sind wegen des Krieges gestorben und schließlich sind große Schwierigkeiten aufgetaucht, was die Arbeitsmöglichkeiten der Flüchtlinge betrifft, die – das dürfen wir nicht vergessen – laut Gesetz „feindliche Staatsangehörige“ sind.

Heute muss jeder Arbeitgeber, der einen Ausländer beschäftigt oder beschäftigen will, um eine Genehmigung beim Arbeitsamt seines Départements ansuchen. Aber wir haben sehr oft festgestellt, dass diese Genehmigung fast systematisch abgelehnt wird, wenn es sich um deutsche oder ex-deutsche Arbeitnehmer handelt.
Es ist also nicht erstaunlich, dass die Kosten unseres Komitees so hoch gestiegen sind, denn wir konnten die Auswanderung der Flüchtlinge während der ersten Kriegsmonate nicht bewerkstelligen, während zur gleichen Zeit noch illegale Ankünfte durch kleine Mittelmeerhäfen stattfanden.

Andererseits sind Kosten, die bis zum Krieg fast unbedeutend waren, stark gestiegen. Früher war ein Spitalsaufenthalt für Flüchtlinge fast unentgeltlich, jetzt werden sie nur zum normalen Tarif akzeptiert: das heißt für 50 bis 70 Francs pro Tag.

In der Provinz ist die Lage noch ernster geworden, denn bis zum Krieg war es für die Flüchtlinge relativ einfach, eine kleine Arbeit zu finden und von ihren eigenen Mitteln zu leben. Seit dem Krieg mussten sich die Flüchtlinge in der Provinz ebenso wie jene in Paris bei unseren Komitees eintragen – eine beträchtliche Mehrbelastung. Außerdem ist nicht nur die Tatsache, dass die Arbeitsgenehmigungen fast nie erteilt werden, ein Problem, sondern auch noch, dass zahlreiche Flüchtlinge von einem Département ins anderen abgeschoben werden. Diese müssen in dem einem bestimmten Département wohnen, das ihnen zugewiesen wird, was unseren Komitees neuen Kosten verursacht, um Fahrkarten, Gepäcktransporte usw. zu zahlen.
Was die Senkung der Kosten betrifft, die sich aus dem Eintritt in die Fremdenlegion oder aus der Tätigkeit als Dienstverpflichteter ergeben könnte, ist sie bis heute praktisch null.

Laut Gesetz müssen nämlich die Familien der Freiwilligen oder der Dienstverpflichteten Militärzuwendungen erhalten, aber sie müssen beweisen, dass der Freiwillige oder der Zwangsverpflichtete unterhaltspflichtig ist. Da dieser jedoch sehr oft bereits unterstützt wurde und da er keinen Arbeitnehmerausweis hatte, antwortete man den Familien, dass sich an ihren Lebensverhältnissen nichts geändert habe, und dass sie also keinen Anspruch auf Zuwendungen hätten.

Zusammenfassend sehen sich am Ende dieses Jahres 1939 unsere Komitees mit einer beträchtlichen Anzahl Personen konfrontiert, die sich schon lange in Frankreich befanden, die aber neuerdings unterstützt werden müssen, und es ist abzusehen, dass diese Situation jedenfalls für mehrere Monate kaum geändert werden kann. Wir beabsichtigen den Versuch, so viele Flüchtlinge wie möglich in der Industrie einzusetzen, wobei eine gewisse Nachfrage nach Arbeitskräften spürbar ist. Aber es werden hauptsächlich Facharbeiter gebraucht, und es wäre notwendig, unsere Berufs- und Umschulungsschulen weiter entwickeln zu können, um einer möglichst großen Anzahl von Flüchtlingen eine Stelle vermitteln zu können.

Andererseits kann für die meisten von ihnen keine unmittelbare Änderung ins Auge gefasst werden, denn ein Schneider oder ein Rechtsanwalt wird nicht in einigen Monaten zum Maschinenschlosser oder zum Elektrotechniker.

Die Kosten für unsere Komitees erscheinen daher höher denn je zuvor, während die Mittel, die sie in Frankreich finden können, konstant sinken.

Die französische Gemeinschaft hat im Jahre 1939 eine noch nie da gewesene Anstrengung unternommen, aber diese Anstrengung kann im Jahre 1940 nicht wiederholt werden. Es ist Kriegsjahr und sämtliche Aktivitäten und Mittel unserer Glaubensbrüder werden der nationalen Verteidigung gewidmet. Dabei, so unangenehm es zu sagen ist, gibt es unter den Flüchtlingen einige verdächtige Elemente, die dafür sorgen, dass ihnen die Unschuldsvermutung nicht zuteil werden kann, und die heimlichen und illegalen Grenzübertritte ohne Kontrolle, ohne Filter, haben es unerwünschten Personen ermöglicht, in Frankreich zu bleiben. Von daher könnte heutzutage ein Aufruf zugunsten der Flüchtlinge sehr schlecht ausgelegt werden und die Chancen wären auf alle Fälle groß, dass er wirkungslos bliebe.

Wir bedauern es sehr, dass wir das Jahr 1940 so anfangen sehen, denn nicht nur sind die Mittel der französischen Gemeinschaft zurückgegangen, nicht nur ist die Aufgabe unserer Hilfskomitees schwerer denn je - Amerika scheint noch nicht das ganze Ausmaß des Problems in Frankreich begriffen zu haben und die Absicht des Joints, die Beträge zu kürzen, die er so freigebig für die Flüchtlinge in Frankreich gezahlt hatte, dürfte schwere Folgen haben und die gesamte Arbeit gefährden, die wir seit mehreren Jahren zugunsten unserer unglücklichen Glaubensbrüder unternommen haben.“
Félix Chevrier

Félix Chevrier


1884-1962

Drucker und dann Journalist
Chefredakteur der Zeitung „Le Vosgien“
Generalsekretär des Kriegsopfer-Hilfskomitees im Norden und im Osten (1914-18)
1939 Berater im Kabinett von Gesundheitsminister Marc Rucart
Verantwortlicher für die Unterstützung der wegen des Krieges internierten deutschen und österreichischen Israeliten
Generalsekretär der Oeuvre de Secours aux Enfants (O.S.E.)
Gründer der „Häuser“ der O.S.E. im Département Creuse, später „Generalverwalter der Kinderkolonien, Internate und Krippen, zuständig für die Beziehungen mit den Verwaltungsbehörden und Direktor der Kolonie von Chabannes“
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Félix Chevrier war Offizier der Ehrenlegion.
Er starb 1962. Er erhielt 1999 posthum die Medaille der„Gerechten unter den Völkern“.