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![]() Heinrich und seine Eltern, Wien 1926 © H.Wellisch Henry (Heinrich) Wellisch Flucht aus Wien"Im März 1938 besetzten die Deutschen Österreich und das normale Leben der 180,000 Juden in Wien kam zu einem plötzlichen Ende. Mein Vater verlor sein Geschäft innerhalb einiger Tage und ich musste das Gymnasium verlassen als die Zustände dort unerträglich wurden. Wir alle wurden zu dieser Zeit bewusst dass wir Österreich verlassen mussten, aber es war kein Platz vorhanden. Einige unserer Verwandten welche im Ausland lebten versuchten uns heraus zu bringen, jedoch das war erfolglos. Der Krieg brach im September 1939 aus und um diese Zeit erhielt ich durch meine Kusine welche in Amerika lebte ein "affidavit". Amerika war damals noch neutral und es war noch möglich dorthin auszuwandern. Jedoch bevor ich bei dem Amerikanischen Konsulat zur Untersuchung vorgeladen wurde, erhielt ich eine Postkarte von der Israelitischen Kultusgemeinde welche mich informierte, dass ich in einem Transport nach dem besetzten Polen mit 50 Kg Gepäck einbegriffen war.1 Meine Eltern und ich waren der Ansicht dass das unbedingt zu vermeiden sei, und wir versuchten verzweifelt eine Weg heraus zu finden. Wir erfuhren dass verschiedene zionistische Organisazionen und andere planten, einen "illegalen" Transport nach Palästina zu senden. Das wurde mit der völligen Kenntniss der Deutschen Behörden getan und nachdem mein Vater eine gewisse Summe an eine zionistische Organization bezahlte war es mir möglich alle Formalitäten zu erledigen. Am 24. Dezember 1939 verliess ich Wien und fuhr nach Pressburg, wo der Transport versammelt wurde. In Pressburg waren zwei Durchgangslager, eines mit ungefähr 350 Juden aus der Tschechoslovakei und ein anderes mit derselben Anzahl aus Wien. Der Plan war auf der Donau nach Rumänien zu fahren und von dort Palästina zu erreichen. Der Winter 1939-1940 war sehr streng und die Donau frohr zu.. Deshalb wurden wir gezwungen in Pressburg zu bleiben and mussten bis September 1940 warten um unsere Reise anzutreten. Die AtlanticWährend dieser Zeit verhandelten einige Jüdische Organisazionen mit der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft um einen Transport von über 3500 Juden aus Mitteleuropa auf der Donau herunter zubefördern. Zwei dieser Transporte fuhren von Wien mit 1800 Leuten ab und darunter waren auch meine Eltern. Die zwei anderen Transporte verliessen Pressburg mit über 1700 Leuten, darunter auch die aus den Lagern in Pressburg, und auch 600 Personen aus Danzig.(heute Gdansk) und anderen Orten. In zirka einer Woche erreichten wir das Donaudelta und gleich nach unserer Ankunft in Tulcea wurden wir auf drei Griechische Schiffe, die Atlantic, die Pacific and die Milos überführt. Zu dieser Zeit wurde es mir ermöglicht von der Pacific auf die Atlantic zu kommen auf welcher meine Eltern waren. Die Atlantic war ein altes Wrack von ungefähr 1400 Tonnen mit über 1800 Personen an Bord. Auf der Pacific waren zirka 1060 Personen und 700 auf der Milos.
![]() Zeichnung eines Flüchtlings der Atlantik. Fritz Haendel Die Zustände auf der Atlantic waren schrecklich, gelinde gesagt. Die Űberfüllung war so gross, dass sich das Schiff manchmal nach der einen oder anderen Seite lehnte. Die "Hagana"2, eine Ordnergruppe, zu welcher ich auch angehörte, musste die Leute auf die andere Seite hinüberzutreiben um das zu verhindern. Es waren nicht genügende Nahrungsmittel an Bord und die sanitären Verhältnisse waren sehr primitiv. Viele Leute wurden während der Reise krank, einige starben und wurden der See übergeben. Die Atlantic fuhr von Tulcea am 7. Oktober 1940 ab, nachdem die Pacific und die Milos einige Tage vorher diesen Ort verlassen hatten. Am nächsten Tag ereichten wir Istambul wo wir Brot und Wasser erhielten. Nachdem wir die Dardanellen passiert hatten unterbrachen wir unsere Reise in Mythilene und dann in einigen anderen Griechischen Inseln, who die Behörden uns mit Brot und Wasser versorgten. Am 16. Oktober kamen wir in Heraklion auf der Insel Kreta an; unser Schiff hatte keine Kohle mehr und wir konnten unsere Reise nicht mehr fortsetzen. Die Atlantik war im Hafen verankert und umzingelt von der Hafenpolizei. Am 28. Oktober erklärte Italien Krieg gegen Griechenland und jeden Tag waren Fliegeralarme, jedoches es kam zu keinen Luftangriffen. Schliesslich war es möglich, mit der Hilfe der Jüdischen Gemeinde in Griechenland, Kohle zu bekommen und wir verliessen Heraklion am 8. November. Die Atlantic hatte einen griechischen Kapitän und Mannschaft und flog die Panama. Flagge. Während der ersten Nacht nach unsere Abfahrt aus Heraklion verschwendete der Kapitän irgendwie die Kohle und es waren auch Gerüchte dass die Kohle in das Wasser geworfen wurde. Der Kapitän weigerte sich weiter nach dem Osten zu fahren und erklärte, dass er nach Griechenland zurückkehren wollte. Unser Transport Komitee beschloss ihn zu verhaften und die Fahrt fortzusetzen. Dies wurde getan, aber am nächsten Tag ging die Kohle zu Ende, das Schiff kam zum Stillstand und die Notflagge wurde gehisst, nachdem das Schiff kein Radio hatte. Es wurde nun beschlossen alles hölzerne Material des Schiffes als Brennstoff zu benützen. Die Verdecke, Masten, innere Abteilungen, sogar Möbel wurden in den Kessel geworfen und auf diese Weise fuhren wir noch ein oder zwei Tage weiter. Am nächsten Morgen sichteten wir Land in der Ferne, wir hatten endlich kein Brennmaterial mehr und die Atlantic kam zum endgültigen Stillstand. Wir hatten endlich Zypern im allierten Territorium erreicht. Der Anlaufhafen: Haïfa Nach einiger Zeit näherte sich ein Schlepper welcher unser Schiff nach dem Hafen Limassol zog. Britische Polizisten kamen an Bord und nachdem wir Kohle, einen Britischen Kapitän, Mannschaft und militärische Eskorte erhalten hatten, machten wir uns auf den Weg nach dem "gelobten Land". Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang erblickten wir den Karmel Berg in der Ferne, wir sangen die "Hatikva" und wir wussten jetzt dass wir unser Ziel erreicht hatten. Ich bin ganz sicher, dass jeder der damals an Bord war, diesen Moment niemals vergessen wird. Als wir im Hafen von Haifa anlangten, informierte uns die Britische Polizei, dass die Flüchtlingslager überfüllt wären und dass man uns vorläufig auf einem grossen Passagierdampfer unterbringen würde. Das war die Patria welche zur Zeit im Hafen von Haifa verankert war. Die Leute von der Pacific und der Milos welche schon früher Haifa erreicht hatten, waren schon auf der Patria und die Űberführung von Leuten von unserem Schiff auf die Patria began sofort. Kurz nachdem nur eine kleine Anzahl von Leuten von der Atlantic nach der Patria überführt worden war, hörten wir eine Explosion, die Patria kenternt, sank und 250 Personen ertranken. Wir fanden später heraus, dass die Engländer geplant hatten uns alle mit diesem Schiff zu deportieren und dass die Palästinensische Jüdische Untergrundbewegung versucht hatte das zu vereiteln, jedoch mit unvorhergesehenen Resultaten.
![]() Zeichnung des Untergangs der Patria,Fritz Haendel © H. Wellisch
Nach diesem Unglück wurden wir in das lager bei Atlit3 nahe von Haifa gesendet, jedoch die Engländer hatten ihren Plan uns zu deportieren nicht aufgegeben; der Plan war nur verschoben. Die Leute welche auf der Patria waren und welche geretted wurden, erhielten die Bewilligung in Palästina zu bleiben. Die Anderen, das heisst, die meisten Passagiere der Atlantic sollte man nach Mauritius deportieren. Eines Morgens, zwei Wochen später, wurden wir informiert, dass wir uns für Embarkation nach dem Frühstück vorbereiten sollten. Wir hatten jedoch von diesem schrecklichen Plan gehört und hatten beschlossen alles zu tun um ihn zu vereiteln. Niemand packte, die Leute weigerten sich die Baracken zu verlassen und lagen nackt auf den Betten. Die Engländer versammelten eine grosse Anzahl von Polizisten und Soldaten und nach anfänglichem Widerstand and etwas Brutalität gelang es ihnen die Leute auf die Lastwagen zu bringen und nach dem Hafen in Haifa zu transportieren.
Mauritius
Zwei Holländische Schiffe warteten auf uns und kurz nachdem wir an Bord waren fuhren die Schiffe ab. Wir waren selbstverständlich zornig, entteuscht und deprimiert; nach allen unseren Erlebnissen deportierte man uns nach einer enfernten Insel. Es war eine bittere Zeit. Nach einer ereignislosen Fahrt durch den Suezkanal, das Rote Meer und den Indischen Ozean erreichetn wir Port Louis in Mauritius.
![]() Das Gefängnis von Beau Bassin. 1940-1945© H. Wellisch
Die kolonialen Behörden hatten ein altes Gefängniss4, welches für das Männerlager bestimmt war, vorbereitet und das Frauenlager welches aus Wellblech Baracken bestand war in der Nähe. Sofort nach unserer Ankunft brach eine Typhus Epidemie aus und zirka 50 Personen starben innerhalb eines Monats. Meine Mutter hatte Typhus und Malaria zur gleichen Zeit. Nach eniiger Zeit organisierte sich das Leben im Lager in einer gewissen Routine. Jeder Mann hatte eine Zelle in einem der zwei Gefängniss Blocks. Die Türen der Zellen waren nicht verschlossen, aber es war nicht erlaubt das lager zu verlassen, nur mit Eskorte. Nach zirka 6 Monaten erhielten verheiratete Frauen die Bewilligung das Männerlager während des Tages zu besuchen. Am Nachmittag konnten alle Häftlinge (detainees) auf einem offen Platz in der Nähe beider Lager zusammenkommen. Das Lagerregime war nicht brutal, und ist auf keinen Fall vergleichbar mit den Nazi Konzentrazionslagern, jedoch die Nahrung war unzureichend, und der schlechteste Ausblick war die Entlegenheit des Ortes und das Bestehen der Engländer dass wir niemals nach Palästina einwandern könnten. Die Häftlinge errichteten eine gut organisierte Gemeinde mit zwei Synagogen, einer Schule, einer Theatergruppe, einer Bibliothek, Fussball, Volleyball teams und verschiedene Werkstätten. Ich arbeitete in der Tischlerei, nachdem ich nach dem Anschluss in Wien begonnen hatte diesen Beruf zu erlernen und ich ihn auch im Lager fortsetzen wollte. Vorträge, Konzerte, and Theatervorstellungen wurden organisiert und man konnte an Kursen in English, Hebräisch, Jüdischer Geschichte und vielen anderen teilnehmen.
![]() Eine Gruppe von Internierten auf Maurizius ,Februar 1945,Maurzius. Heinrich Wellisch ist in der zweiten Reihe, dritter von rechts © H. Wellisch
Űber 200 junge Männer meldeten sich freiwillig zu den verschiedenen alliierten Armeen. Ich meldete mich zur Jewish Brigade Group, welche zur Britishen Armee gehörte und verliess Mauritius anfangs 1945. Nach Ende des Krieges hatten die Flüchtlinge die Wahl entweder nach Palästina oder in ihre frühere Heimat zurückzukehren. Die grosse Mehrheit erwählte Palästina und im August 1945 verliessen die restlichen 1300 Personen, darunter auch meine Eltern, Mauritius auf der Franconia; 128 Verstorbene blieben auf dem Jüdischen Friedhof zurück. I erreichte mit 55 anderen Freiwilligen im April 1945 das Lager der Jewish Brigade Group in der Suez Kanal Zone. Um diese Zeit war der Krieg in Europe nahe dem Ende und nach einigen Monaten militärischer Ausbildung wurden wir zur Jewish Brigade, welche in Holland stationiert war, geschickt. Ich wurde in eine Transporteinheit eingereiht und unsere Aufgabe war es soviele Űberlebende des Holokausts als möglich illegal nach Palästina zu schicken. Meine Eltern wohnten in Kirjat Haim nahe von Haifa und mein Vater hatte grosse Schwierigkeiten Geld zu verdienen. Ich beschloss für Versetzung nach Palästina anzusuchen um meinen Eltern zu helfen5, das Gesuch wurde bewilligt und ich verbrachte den Rest meiner Zeit als Soldat in einer Britishen Feldbäckerei nahe von Haifa. Im Oktober 1946 wurde ich von der Armee entlassen und nachdem ich die Tischlerei in Maurutius gelernt hatte übte ich diesen Beruf für die nächsten Jahre aus. Die politische Lage in Palästina verschlechterte sich und am Ende von 1947 brachen ernste Unruhen zwischen Arabern und Juden aus. Zu dieser Zeit trat ich der Hagana, welche die offizielle Jüdische Untergrundarmee war, bei. Ich stand wache in unserer Gegend, und nachdem ich ein "einziges kind" war wurde ich nicht völlig aufgerufen. Das änderte sich am 14. Mai 1948, als alle Zurückstellungen annuliert wurden, und so fuhr ich am 15 Mai zu dem militärischen Lager in Tel Litwinsky, nicht weit von Tel Aviv, wo man mich in eine Pioniereinheit einteilte. Wir beendeten einen Kurs in Suche und Legen von Minen, Brückenbau etz. innerhalb eines Monates und gingen in Aktion sofort darauf. Unsere Einheit war mit der Alexandroni Brigade und nahm an vielen "Aktionen" in der Zentralfront, im nördlichen Negev, in Beersheba und auch in der Schlacht in dem "Faluja Kessel" teil. Ich wurde in 1949 von der Israelischen Armee entlassen und ging zu meinem Posten als Tischler zurück, Einige meiner besten Freunde waren während des Krieges gefallen und ich war zu dieser Zeit ziemlich niedergeschlagen. Meine Eltern welche von mir abhingen, wollten mit dem Rest unsere Familie, welche in Kanada lebte, zusammenkommen und meinem Vater wurde versprochen einen Posten in der Fabrik meines Onkels zu bekommen. Und so verliessen wir Israel im Mai 1951 und fuhren nach Kanada, who ich seither lebe."
![]() Familie Wellisch, März 1945, kurz bevor Heinrich in die Jewish Brigade eintritt. © H. Wellisch
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![]() Heinrich und seine Mutter auf Urlaub in der Tschechoslowakei, 1929. © H. Wellisch 1] Anmerkung des Herausgebers: es handelt sich wahrscheinlich um die Deportation nach Nisko, einem Konzentrationslager, das im Oktober 1939 auf polnischem Staatsgebiet eröffnet und im April 1940 aufgelassen wurde und in das Juden aus Mähren und Wien deportiert wurden.
2] AdH : Haganah (ההגנה) bedeutet auf Hebräisch „Verteidigung" . Es handelt sich um eine 1920 illegale zionistische Organisation, die sich als Schutztruppe für die nach Palästina emigrierten Juden betrachtete.
3] Das von der Briten in den 30er-Jahren erbaute Lager von Atlit diente während des Zweiten Weltkriegs der Internierung illegaler Einwanderer nach Palästina.
[4] Das Gefängnis von Beau Bassin.
[5] Compassionate Home Posting
Von den 1580 auf Maurizius im Dezember 1940 internierten jüdischen Flüchtlingen starben 128 während ihrer Internierung, 212 traten in verschiedene Kampfeinheiten ein. 1320 Personen wurden aus Maurizius befreit und erhielten die Erlaubnis, nach Palästina auszuwandern, am 26. August 1945 trafen sie in Haifa ein.
Sie finden in der Datenbank Verschiedene Listen 1939-1945 die Namen der Internierten von Beau Bassin
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