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Die Festnahmen des 10. Mai 1940Am 10. Mai 1940 wird Belgien von Deutschland überfallen. Gleich in der Früh werden Festnahmen der ausländischen „feindlichen Staatsangehörigen“ organisiert. Unter diesen befindet sich eine Mehrheit jüdischer Flüchtlinge. Alle Männer zwischen 17 und 65 Jahren werden entweder aufgefordert, sich zum Kommissariat zu begeben, oder sie werden auf der Strasse festgenommen. Diese Razzia wurde von den belgischen Behörden so programmiert, dass sie am gleichen Tag wie der Beginn des deutschen Angriffs stattfindet. Sie findet auch gleichzeitig statt mit dem Exodus der heimischen Bevölkerung in den Süden, die vor den Truppen des Dritten Reichs flieht. Ein Protokoll vom 10. Mai 1940, das vom Hauptquartier des Oberkommandos der belgischen Armee stammt, über eine Sitzung am 9. Mai deutet auf die ergänzenden Maßnahmen hin, die sich auf die Festnahmen und besonders auf die Rolle der Gemeinden in der Organisation der Beaufsichtigung von „Feinden“ bezieht. Zahlreiche Zeitzeugen erzählen von den Festnahmen und dem langen Leidensweg, der diese Männer und manchmal auch Frauen in die Lager in Südfrankreich führt. Vor dem 10. Mai 1940 werden in Belgien ca. 64000 Juden gezählt. Während des Kriegs werden ungefähr 25000, d.h. 43% der auf dem Territorium anwesenden jüdischen Bevölkerung, deportiert. Fast ein Viertel dieser Bevölkerung flieht oder wird aus dem Land in Richtung Frankreich vertrieben. Sehr wenige Juden werden nach dem Waffenstillstand nach Belgien zurückkehren. Wenn, sind es hauptsächlich Widerstandskämpfer, denn mit dem Verbot vom 27. September, die Demarkationslinie zu überqueren, wird die Reise von Frankreich nach Belgien fast unmöglich. Nach seinem Transfer und seiner Flucht aus dem Lager von Gurs wird sich Nathan Kornweitz entscheiden, nach Brüssel zurückzugehen. Den Quellen nach können wir schätzen, dass 6000 bis 10000 Menschen, unter ihnen 3000 in Brüssel und 3000 in Antwerpen, während dieser Razzia festgenommen wurden. Sämtliche Männer der Familie Burghardt ereilt dieses Schicksal. Siegbert, der 1889 geborene Vater, und beide Söhne, Rolf, 17, und Hans, 27, werden in Brüssel verhaftet. Hermann, Siegberts Bruder, wird in Antwerpen verhaftet. VerdächtigeDer sehr vage Ausdruck „Verdächtige“ ermöglicht die Verhaftung der Flüchtlinge aus zahlreichen Gründen und erlaubt es, jeden Angehörigen eines feindlichen Staates in Untersuchungshaft zu nhemen. Die deutschen Emigranten, die Flüchtlinge ohne Ausweis, die Illegalen sind das bevorzugte Ziel. Männer, die sich legal im Land aufhalten, werden jedoch genauso festgenommen. Dieses Verdächtigen-Gesetz unterscheidet nicht zwischen der nationalistischen, faschistischen oder nationalsozialistischen extremen Rechten, der kommunistischen extremen Linken und den ehemaligen jüdischen Staatsangehörigen des Dritten Reichs, die systematisch angezielt werden. Die Festnahmen beginnen im Morgengrauen. Die Polizisten und die Gendarmen haben den Auftrag, die Identität zu kontrollieren und die verdächtigen Personen an den vereinbarten Orten zu versammeln (Merkxplas, Marneffe, Kasernen, Kommissariate...). Jeder muss Nahrung für 48 Stunden mitnehmen, was für die lange Reise, die sie vor sich haben, sehr wenig ist. Sie werden zu 40 in einem hermetisch abgeschlossenen Wagen fahren und mehr als 40 Stunden ohne Wasserversorgung verbringen. Plakate werden aufgehängt und manche Flüchtlinge begeben sich freiwillig zur Sammelstelle. Manche ausländerfeindlichen Belgier lassen sich nicht die Gelegenheit entgehen, mit der Polizei in der Suche nach den Verdächtigen zu kollaborieren. Andere Flüchtlinge geraten in Panik und fliehen rasch nach Frankreich. Gleichzeitig mit den Festnahmen findet der Exodus der belgischen Bevölkerung statt, die in Frankreich Zuflucht sucht. In der Region Brüssel steigt man am Etterbeek Bahnhof in Güterwagen ein. Die Fahrten werden durch den Vormarsch der deutschen Truppen gestört und stark verzögert und manche Transporte kommen erst mehr als 10 Tage nach der Abfahrt aus Belgien an. Durch den partiellen Register des Lagers von St Cyprien vom Oktober 1940 kann man die verschiedenen Etappen dieser Transporte rekonstruieren: Tournai in Belgien, dann in Frankreich Orléans, La Fauga-Mazères, Sainte Livrade, Le Vigeant, Toulouse, Villemur, Albi, Cerdon du Loiret, Cepoy… Die erste massive Deportation ist wohl auf den unabhängigen belgischen Staat zurückzuführen, denn die Festnahme der „Verdächtigen“ – die als für die Staatssicherheit gefährlich geltenden Personen – erfolgt durch die belgische Polizei. Es ist auch die belgische Polizei, die die Konfiszierung der Devisen und der Schmuckstücke vornimmt, die die Gefangenen bei sich haben. In seinen Memoiren erwähnt der Rabbiner Kappel die Zeugenaussage des Rabbiners Leo Ansbacher, der in St Cyprien mit seinem Bruder Max interniert wurde: 7500 aus Belgien wegen Spionageverdachts vertriebene Flüchtlinge, Mitglieder der 5. Kolonne, alle erschöpft, kamen ins Lager in der Nähe von Perpignan. Die ansässige Bevölkerung empfing sie mit den Rufen „Tod den deutschen Spionen“. Die Lebensbedingungen in diesem Lager am Mittelmeer waren miserabel. Die Holzbaracken wurden auf Sand gebaut und waren in Inseln zu 25 Einheiten gruppiert. Jede Insel war durch einen Stacheldrahtzaun von den anderen getrennt. Der Sand drang überall ein, Wasser fehlte, Typhus und Ruhr griffen um sich. Die Kranken wurden in ein sehr schlecht versorgtes Krankenhaus eingeliefert. Im August 1940 waren es 200. Die Sterblichkeit im Lager war äußerst hoch. |
![]() Nathan Kornweitz wurde am 10. Mai 1940 festgenommen und ins Lager von St Cyprien geschickt. Wahrscheinlich floh er während seines Transfers ins Lager von Gurs. ![]() Rolf Burghardt 1913-1942 Collection Dorot, source OEB, Bruxelles |

